Über das Buch: ‚Das geteilte Zimmer’. (Von Peter Manndsorff, Lektorat: Sigrun Casper)

Henriette wohnt bei ihrem Großvater. Sie hat ihn sehr lieb, nicht nur, weil er so spannende und aufregende Geschichten schreibt. Trotzdem wünscht sie sich Eltern, denn sie hatte nie welche. Mit ihrem Freund Peter begibt sie sich auf eine Fantasiereise, die sie in das Städtchen Dum führt. Dort darf sich Henriette auf einem Jahrmarkt in einem Spiegelkabinett aus Spiegelsplittern ihre Traumeltern zusammenstellen. Die Wahl jedoch glückt ihr nicht so recht, sie hat da offenbar etwas falsch gemacht, denn irgendwie passen die Eltern nicht zusammen.

Sie streiten sich viel.

Das färbt auf die Kinder ab. Immer wieder kriegen auch sie sich in die Haare, wenn es darum geht, Computerspiele zu spielen oder Bücher zu lesen. Alles gipfelt darin, dass die Mutter den Vater nötigt, ein Regal als Raumteiler quer durch das Kinderzimmer zu bauen, damit die Kinder voreinander ihre Ruhe haben. Aber eigentlich verfolgt sie ganz andere Ziele.

Peter und Henriette sind jetzt getrennt.

Die Wand im Kinderzimmer ist nur der Anfang. Bald teilt ein großer Zaun die Stadt. Als Peter und Henriette merken, dass alles kein Spiel mehr ist, kommen sie zur Besinnung.

Doch ist jetzt alles zu spät?

 

(Wir veröffentlichen hier die ersten 18 Kapitel. Wer weiter lesen möchte, kann das Buch direkt beim Autor unter mannsdorff@gmx.de bestellen.)

 

1

Das Geheimnis um die Kathedrale

 

Henriette liegt auf dem Landungssteg und träumt von etwas, das sie sich schon lange wünscht. Wenn sie zaubern könnte, wäre ihr Traum längst in Erfüllung gegangen. Leise klatschen die Wellen gegen das Holz, eine Entenfamilie schwimmt schnatternd vorbei, dicht am Waldrand fliegen Schwalben. Henriettes Großvater sitzt in der Hütte an seinem großen Arbeitstisch und schreibt. Bevor sie zu ihm an den See zog, hat er schon einmal eine außerordentlich packende Geschichte über seine Enkeltochter geschrieben. Beim Lesen war ihr, als blickte sie in einen Spiegel. Die Sommersprossen, die Grübchen, ihre roten Locken, alles kam darin vor.

Sie horcht auf. Oben auf dem Weg hat sie Geräusche gehört. Sie ist heute mit Peter verabredet. Peter ist ihr bester Freund. Wenn Henriette nicht sitzen bleibt, wird sie nächstes Jahr mit ihm zusammen aufs Gymnasium gehen. Peter kommt oft raus an den See, dann angelt er mit ihr oder spielt mit Großvater Schach.

Schon pest er mit seinem Rad den Hang zum Ufer herunter, dass es nur so scheppert, und macht eine Vollbremsung auf dem Steg. "Hallo!“, sagt er lässig, als sei es die normalste Sache der Welt, mit dem Fahrrad auf einem schmalen Holzsteg eine Vollbremsung zu machen, ohne ins Wasser zu fallen.

Sie haben sich heute eine Radtour zur Kathedrale vorgenommen. Die Kathedrale ist Peters und Henriettes Geheimnis. Weit entfernt von der Hütte, an einer schmalen Landzunge hinter den großen Sümpfen, wo selten ein Mensch hingelangt, da steht sie.

Ehe die beiden auf ihren Rädern im Birkenwäldchen verschwunden sind, hören sie Henriettes Großvater rufen. Er steht auf der Veranda und winkt ihnen hinterher. "Hey! Wohin fahrt ihr?"

„Nur so durch die Gegend, Herr Himmelheber."

"Kommt aber nicht so spät. Heute Abend gibt es Spaghetti mit Tomatensoße."

Sie holpern den schmalen Pfad am Seeufer entlang. Moos haftet an den Felsen neben dem Weg. Rote und blaue Beeren leuchten durch die Sträucher. Drüben auf der Insel Riotannen ragt die Kathedrale aus einer steilen Felswand heraus. Drei spitze Felsen auf dem Gipfel.

Peter und Henriette lehnen ihre Fahrräder aneinander und setzen sich in den Sand. Von hier aus können sie die drei Felsen gut sehen. Sie spiegeln sich im klaren Wasser. Auf dem Gipfel des mittleren hat jemand eine blau-grüne Fahne gehisst, die zwischen den Wellen zerfließt, blau wie das Wasser und der Himmel, grün wie die Bäume. Ein alter Fischer hat ihnen einmal gesagt, Riotannen sei eine verwunschene Insel. Es gehe dort nicht mit rechten Dingen zu. Manchmal könne man eine Stimme aus dem Inneren der Insel hören. Sie waren noch nie auf der anderen Seite. 

Henriette zieht die Decke und den Picknickkorb aus dem Gepäckträger, legt die Decke auf die Wiese und verteilt Honigkuchen und Obstsalat. Aus der Thermosflasche schenkt sie Zitronentee ein.Die Spätfrühlingssonne wärmt ihnen den Rücken. Peter zieht sein schwarzes Hemd aus. Henriette würde am liebsten auch ihr rotes Kleid und ihre gelbe Bluse ausziehen. Aber sie traut sich nicht in Unterhosen ins Wasser.

"Weißt du, wovon ich manchmal träume?“, fragt sie aus heiterem Himmel.

„Na?“

„Du weißt doch, dass ich im Heim aufgewachsen bin. Meine Eltern wollten mich nicht. Papa hat sich jedes Wochenende betrunken, bis Mama ihn rausschmiss. Als sie dann mit einem anderen Mann nach Amerika ging, hat sie mich ins Heim gesteckt.“

„Dumm gelaufen“, sagt Peter. „Aber jetzt bist du ja bei deinem Opa.“

„Ich wünsch mir so sehr einen Vater und eine Mutter.“ Sie zögert und schielt zu Peter. „Einen Bruder hätte ich auch gern.“

Peter zeigt ihr einen Vogel. „Was guckst du mich so an? Ich kann gar nicht dein Bruder sein, ich habe meine eigenen Eltern. Kapier das doch endlich.“

Henriette zeigt mit ihrem Kugelschreiber auf Peter und guckt ihn an, als wolle sie ihn belehren. “Hör zu. Wir denken uns jetzt gemeinsame Eltern aus. Du tust so, als wärst du mein Bruder. Mal sehen, was dabei rauskommt. Meine Mutter soll mit mir ganz viel Spaß machen. Und in Secondhandshops mitkommen, und so.“

„Hör auf mit deinem Babyspiel“, sagt Peter. Er stopft sich ein Honigbrot in den Mund. „Ich bin mit meinen Eltern zufrieden, ich brauche keine anderen.“

„Spielverderber.“

Peter steht auf und zieht eine genervte Grimasse. „Ich interessiere mich nun mal mehr für Computerspiele als für solchen Kinderkram.“ Er schaut sich am Ufer um, entdeckt etwas Dunkles im Schilf: "Da! Ein Boot. Nichts wie hin!"

"Wir können doch nicht einfach das Ruderboot stehlen!"

"Wir stehlen es ja nicht. Wir leihen es uns aus." Peter zieht Henriette am Arm. Sie ziert sich erst ein bisschen, aber dann geht sie doch mit. Sie waten bis zum Schilf. Das Boot scheint keinem zu gehören. Mit einer verrosteten Konservendose schöpfen sie das Wasser aus, binden den Kahn los und probieren, ob er sie trägt.

"Lass uns zur Insel rudern", schlägt Peter vor.

"Und wenn wir die Stimme aus dem Berg hören?"

"Brauchst keine Angst zu haben. Das ist Unfug, was der Fischer erzählt. Da ist niemand. Lass uns rüber rudern. Bist du denn gar nicht neugierig?"

Henriette senkt den Kopf. „Wenn du meinst.“

Peter rudert. Der Himmel verfärbt sich dunkel. Leises Donnergrollen ist zu hören.

„Peter, es wird Gewitter geben."

"Ach was!" Er rudert weiter.

Nach einer Weile knirscht Kies unter dem Kiel. Sie sind auf Riotannen gelandet.

 

 

2

Die Geisterbahn

 

Peter ist noch dabei, das Boot mit dem nassen, faserigen Tau an einem Baum festzumachen, da ist Henriette schon ans Ufer gesprungen und am Felsplateau hochgeklettert. Sofort hat sie etwas entdeckt. "Peeeter! Hier ist eine Höhle!"

Sie kann es gar nicht abwarten, bis ihr Freund da ist. Er beeilt sich. Kaum ist er bei ihr auf dem Felsen angelangt, hören sie es rascheln. Ein dicker Mann in schwarzem Frack und Zylinder taucht hinter einer Felsnische auf. Er verbeugt sich tief und spricht feierlich: „Hereinspaziert in den Illusionspalast! Träumt eure Träume. Sie können hier in Erfüllung gehen. Manchmal träumt man sie in der Badewanne und tut nichts für sie. Dann gehen sie auch nicht in Erfüllung. So ist das nun einmal. Das Leben macht keine Geschenke! Manchmal tut man etwas für seine Träume, dann können sie wahr werden. Also, hereinspaziert!“

Der Mann löst sich in Luft auf. Peter und Henriette kneifen sich gegenseitig in den Arm. Es war keine Einbildung. Beide haben den Mann gesehen und seine Stimme gehört.

Peter zieht seine Taschenlampe aus der Hosentasche. „Los, rein!“ Er bückt sich, um durch die Felsspalte zu kriechen.

Henriette zögert: „Ich weiß nicht.“

In diesem Augenblick erhellt ein Blitz die Felswände, fast gleichzeitig kracht ein Donner los, es fängt an zu regnen.

"Lass uns zurückfahren."

"Spinnst du! Bei Gewitter auf dem Wasser."

Henriette hat keine Wahl. Sie muss Peter in die Grotte folgen, dort ist es wenigstens trocken. Im Schein der Taschenlampe tasten sie sich vor. Ein leises Summen ist zu hören. Der Fischer hat Recht gehabt. Da ist eine Stimme. Henriette hält Peter am Arm fest. "Es passiert nichts", flüstert er. "Wenn's gefährlich wird, kehren wir um."

Die Taschenlampe beleuchtet schwach die kantigen Wände der Grotte. Tief im Berg singt jemand. Gleichmäßig tropft Wasser vom Fels. Ploc, ploc, ploc. Sie zwängen sich auf dem Boden durch schmale Ritzen im Gestein. Lauter wird der Gesang. Durch einen Spalt flackert ein Feuerschein. Dort also! Vor brennenden Holzscheiten sitzt ein Mann mit einem langen weißen Bart. „Guck in deinen Spiegel“, singt er mit zitternder Stimme, „erkenne dich selbst. Dann wird er wahr, dein Traum, wie ein Spiegel klar.“

Sie schleichen sich auf Zehenspitzen vorbei. Der Gesang folgt ihnen. Sie wagen sich immer weiter in die Grotte hinein, bis das Singen verstummt. Auf einmal Ende, Sackgasse. Peter leuchtet die Wand ab. Sie stehen vor einer verschlossenen Pforte. Am blau-grün getäfelten Holz ist ein Zettel angepinnt: „Hier beginnen eure T-Räume. Ein T wie ein Zaun, dann die Räume.“

Peter guckt seine Freundin fragend an, schließlich klopft er an das morsche Holz. Er klopft noch einmal. Zweimal lang, viermal kurz. Die Pforte öffnet sich. Peter und Henriette schauen auf eine Leinwand, auf der ein Film abgespult wird. Aber nicht auf DVD, auch nicht von einem Video-Player, sondern von einem Super 8-Vorführer, wie ihn Henriettes Großvater noch aus alten Zeiten besitzt. Er projiziert zwei alte Männer, die jeweils hinter einem Pult stehen. Einer trägt eine Brille mit ostereirunden Gläsern und hat einen Spitzbart, der andere ist groß und hat ein kantiges Gesicht. Beide tragen unmoderne Anzüge. „Hereinspaziert.“

Der mit dem Spitzbart hüstelt: „Habt ihr wenigstens einen gemeinsamen Traum?“

„Ja“, antwortet Henriette dem Mann auf der Leinwand.

Peter stottert: „Du ... Henriette ... sei nicht böse, aber ich glaube, ich träume einen anderen Traum als du.“

„Was denn für einen?“, fragt der Spitzbart.

„Ich will mal Brücken bauen.“

„Und du, Mädchen?“

„Ich will Sterne vom Himmel pflücken, wenn ich Eltern gefunden habe“, sagt Henriette.

„Sterne vom Himmel pflücken? So etwas gibt es nicht. Ihr werdet wohl in einem geteilten T-Raum wohnen müssen“, sagt der mit dem kantigen Gesicht. „Trotzdem herzlich Willkommen in unserem Städtchen Dum.“ Auch der Spitzbart tritt hinter seinem Pult hervor und schwenkt einladend einen Arm. „Herzlich willkommen bei uns!“ Henriette und Peter schieben sich durch einen schmalen Eingang  und stehen in einem Tunnel. An den Wänden hängen Lampions. Aufgeschreckt von einem hellen Lichtschein schauen sie nach rechts. Zwei Scheinwerfer werden größer, eine Bahn rollt quietschend heran und hält direkt vor ihnen. „Steigt ein!“, ruft der Lange mit dem kantigen Gesicht.

„Wohin geht es?“, fragt Henriette.

„In eure Träume“, sagt der Spitzbart. „Wollt ihr eines Tages reich sein? Dann steigt in den goldenen Waggon.“

„Ich will Eltern“, sagt Henriette.

„Steig in den blauen.“

„Und du, Junge?“

„Ich habe Eltern. Mein Vater ist Pilot, und meine Mutter schreibt dem Bürgermeister die Reden.“

„Und du träumst von großen Brücken, ja?“

Peter bekommt leuchtende Augen.

„Und von Computern?“

Peter nickt.

„Gut“, sagt der Alte. „Ab in den grünen Waggon.“

Sie setzen sich. Henriette in den blauen Waggon, Peter in den grünen. Hinter sich hören sie den Spitzbart mit dem Langen streiten: „Konrad, es ist deine Schuld, wenn sie sich nicht vertragen werden“, und Konrad antwortet: „Du warst es doch, der das Mädchen in den blauen gesetzt hat, Walter.“ Die Männer verschwinden, die Leinwand verblasst.

Sie rollen an Äxte schwingenden Gespenstern, schummrig beleuchteten Skeletten, furchteinflößenden Totenschädeln und knarrenden Sargdeckeln vorbei. Peter betrachtet diese Geisterbahn als Jux. Er grault sich kein bisschen, beugt sich aus dem Wagen und zieht einem Gespenst am Gewand. Henriette im blauen Waggon fühlt sich allein. Die Bahn verlässt den Tunnel und fährt in grellen Sonnenschein hinein. Auf einem Fahnenmast weht eine Flagge. Wieder in den Farben blau-grün. Ruckend bleibt die Bahn stehen. Peter und Henriette steigen aus. In den Waggons vor und hinter ihnen, das können sie jetzt sehen, saßen lauter Kinder, die nun kreischend zu ihren Eltern rennen, denen in die Arme springen und sich von ihnen herumschwenken lassen.

Und wo sind Henriettes Eltern? Wo warten sie? Wo bleiben die Rufe: „Henriette! Peter! Hier sind wir!!!“ Wenigstens kommt ein alter, weißbärtiger Mann auf sie zugelaufen, bleibt vor ihnen stehen und fragt: „Wollt ihr euch eure Eltern selbst zusammenbasteln?“ Er sieht Henriette eifrig nicken. „Dann flutsch hinein in meine Geschichte.“

Henriette schaut Peter mit erwartungsvollen Augen an. Der schielt zur Schießbude, die mit leuchtend grüner Ölfarbe bestrichen ist.

„Lass dir dieses Angebot nicht entgehen“, sagt der Alte zu Peter. „Du kannst dir Vater und Mutter zusammensuchen, wie es dir beliebt. Na, ist das nichts?“

Peter schüttelt den Kopf. „Ich gehe lieber schießen. Ich habe meine eigenen Eltern. Henriette, es ist dein Traum. Geh du. Ich mach nur dir zu Liebe mit, aber bitte ... sei nicht böse ... suche dir unsere Eltern allein aus.“

„Auf deine Verantwortung“, entgegnet sie. „Wenn dir meine Eltern nicht gefallen, ist das deine Schuld.“ Mit festen Schritten geht sie neben dem alten Mann. Vor einem bunten Gebäude dreht sie sich noch einmal zu Peter um. „Was ist nun? Kommst du mit?“

Er guckt trotzig zurück. „Nö!“

Henriette wendet sich wieder dem alten Mann zu. „Was ist denn da drinnen?“

„Dort kannst du deine Eltern finden. Wenn es in der Traumwelt gute werden, dann in der Wirklichkeit später erst recht.“

„Bekomme ich denn später richtige Eltern?“

„Stell keine Fragen, lass dich überraschen. So, jetzt suche dir deine Mutter und deinen Vater aus!“

„Das schaffe ich mit links!“

Henriette betritt ein großes Spiegelkabinett. Die Tür schließt sich hinter ihr. Henriette dreht sich um. Der weißbärtige Mann ist verschwunden.

 

3

Das Spiegelkabinett

 

Henriette betritt einen dunklen Gang. Immer wieder stößt sie mit den Ellenbogen an die Seitenwände. Sie sind aus Samt. Henriette sieht nichts, aber sie könnte wetten, dass der Samt dunkelrot ist.

Der Gang verbreitert sich zu einem Saal. Von der Decke hängen unzählige Kronleuchter mit grell blinkenden Glühbirnen. An den Wänden hängen Spiegel, runde, kantige, gewölbte. Henriettes Gesicht sieht mal verzerrt, mal verbogen aus. Ihre Grimassen tauchen in anderen Spiegeln hinter ihrem Rücken auf. Ihr Kopf wird in die Länge gezogen, ihre Haare sind wie eine Schraube verdreht; ein anderer Spiegel zeigt ihre Wangen aufgeblasen, als lutsche sie zwei Pingpongbälle. Henriette hält ihren Daumen an die Nase, flattert mit den Fingern und sieht wie ein Vogel aus, der gleich losfliegen wird. Sie zieht mit dem Daumen ihre Unterlippe hoch, während sie mit dem Zeigefinger die unteren Augenlider nach unten zerrt.

Auf einmal hört sie eine tiefe Stimme: „Bist du bereit?“

Henriette zuckt zusammen. „Wozu bereit?“

„Hast du dich erkannt?“

„Wie soll ich mich denn erkennen?“

„Du musst dein Gesicht so lange betrachten, bis du zufrieden mit deinem Spiegelbild bist!“

„Ach so“, kichert Henriette. „Sagen Sie das doch gleich. Diese Fratzen sind lustig, aber ehrlich gesagt, mag ich mich so nicht. Deswegen bin ich auch nicht hier. Ich will Eltern finden ...“

„... dazu musst du dich zuerst erkennen. Du musst dich mögen.“

Henriette würde am liebsten laut lachen. Wo gibt es denn so was? Zuerst müssen doch die Eltern ihr Kind mögen. Als habe sie Henriettes Gedanken gelesen, antwortet die Stimme: „Das sind nun einmal die Spielregeln bei uns! Die Kinder sollen wissen, was sie wollen, sie sollen sich mögen, dann können sie auch ihre Eltern lieb haben. Schließlich suchen sich hier nicht die Eltern ihre Kinder aus, sondern umgekehrt. Suche also deinen Spiegel, der dich so spiegelt, wie du dich sehen willst.“

Lange sucht Henriette im Labyrinth der Spiegel. In einem sieht sie ihre Pickel groß wie Streusel auf einem Kuchen. In einem anderen hat sie aufgedunsene Pausbacken. In keinem gefällt sie sich. „Da ist wohl nichts Passendes für mich dabei.“

Die Stimme ermutigt sie: „Und dort hinten? Der in Gold gefasste Spiegel? Vielleicht ist er etwas für dich?“

Der Spiegel mit dem goldenem Rahmen hängt neben der Ausgangstür. Darin sieht Henriette ihre vielen Sommersprossen. Die Kinder im Heim haben sie damit immer aufgezogen. Mit Locken würde sie sich gern annehmen, doch die Locken erinnern sie auch an die Heimkinder. Wegen ihrer roten Haare hänselten sie Henriette als ‚Kräuterhexe’. Das alles ginge zur Not noch, aber Henriette findet sich zu dick. Wer auch immer sie vom Gegenteil überzeugen will, Henriette wird es niemals glauben. Sie hat keine Lust mehr auf dieses Spiel. Dann kriegt sie eben keine Eltern ab. Ihr doch egal! „Wo geht’s hier raus? Ich will nach Hause.“

„Was hast du?“, fragt die Stimme. „Willst du schon aufgeben?“

„Ich finde mich nicht schön. Die anderen sind schlank, und ich bin pummelig.“

„Doch, du bist schön!“

Henriette stemmt die Arme in die Hüften. „Wo sind Sie eigentlich? Ich kann Sie gar nicht sehen. Sie wollen mir einreden, ich soll mich schön finden. Wer sagt mir denn, ob Sie überhaupt schön sind? Zeigen Sie sich endlich!“

Aus einem Zerrspiegel springt eine Gestalt, umhüllt von einem blauen Umhang, auf dem viele Sterne blinken. Es ist derselbe Mann, der vorhin in der Grotte am Lagerfeuer gesungen hat und der sie eben in das Spiegelkabinett geführt hat. Dieser weiße, bauschige Bart! Diese knollige Nase und klobige Brille. Wie ein Märchenerzähler aus vergangenen Zeiten. Ein bisschen auch wie ihr Großvater. „Gut, gut, ich bin ein alter Zausel“, grummelt der Alte. „Trotzdem nehme ich mich an, so wie ich bin! Finde du auch heraus, was an dir schön ist!“

„Nichts! Ich finde mich potthässlich.“

„Kannst du nicht irgendetwas besonders gut?“

„Ich weiß nicht“, sagt Henriette. „Vielleicht teile ich gerne.“

„Und weiter?“

„Ich will mal Sternenpflückerin werden. Ich will jedem Kind einen Stern vom Himmel pflücken, der Glück bringen soll. Und ich habe eine blühende Fantasie. Sagen meine Lehrer jedenfalls.“

„Na, das ist doch was. Damit hast du doch bereits einige Reichtümer, mit denen du etwas anfangen kannst. Die geben dir ein Selbstwertgefühl.“

„Wie bitte?“

„Das Gefühl, dir selbst etwas wert zu sein.“ Der Alte verbeugt sich. „Professor Wabenweber, Geschichtenerzähler und Spezialist für das Lesen von Träumen“, stellt er sich vor. Beim Aussprechen seines Namens zwinkert er Henriette an. „Ich gucke den Menschen nur in die Augen, und schon weiß ich, was sie sich wünschen.“

„Und Sie weben ihre Träume zu einem bunten Tuch, wenn Sie die Wünsche in den Augen gelesen haben, stimmt’s?“

„Nein, das müssen sie selbst tun. Ich helfe ihnen nur dabei.“

Henriette will noch mehr fragen, doch der Professor legt seinen Zeigefinger vor seine Lippen: „Psst, ich bin noch nicht fertig. Weißt du, dass du eine Ausnahme bist? Ich brauchte deinen Traum nicht zu lesen, du wusstest bereits, was du dir wünschst. Nun bist du in meinem Traumpalast aufgewacht. Herzlich Willkommen! Mach etwas aus deinem Traum!“

Professor Wabenweber lächelt.


 

4

Auf der Suche nach neuen Eltern

 

Henriette drängelt. „So, können wir uns jetzt an das Elternsuchen heranmachen? Ich habe es eilig. Peter wartet.“

Der Professor lacht: „Du bist ja eine von der schnellen Sorte. Hast du auch alles bedacht?“

Henriette nickt.

„Gut.“ Sie gehen in einen zweiten Saal. Der Professor wirbelt seinen Umhang, es raschelt in der Luft, ein roter Vorhang entrollt sich. „Melodie zweier Spiegel“, steht darauf in goldenen Buchstaben.

„Was soll das bedeuten, ‚Melodie zweier Spiegel’?“

„Was das bedeuten soll?“ Der Professor zeigt auf die Vielzahl der Spiegel. „Wenn du jetzt in die einzelnen Spiegel schaust, wirst du die Gesichter verschiedener Männer und Frauen sehen. Eine besondere Erfindung von mir. Nicht du spiegelst dich, sondern deine Träume zeigen sich in den Spiegeln. In zweien wirst du deine zukünftigen Eltern sehen. Suche dir einen Vater und eine Mutter aus, die dir gefallen und lege sie in das Kaleidoskop. Wenn sie ein und dieselbe Melodie summen, hast du die perfekten Eltern gefunden. Ich lasse dich jetzt allein. Lass dir Zeit, es geht schließlich um deine neuen Eltern. Wenn du fertig bist, ruf mich.“

Professor Wabenweber hat so schnell gesprochen, Henriette hat gar nicht alles mitbekommen. Gerne würde sie noch einmal nachfragen, aber er ist verschwunden. Sie guckt in alle Spiegel. Sie lehnen neben- und übereinander an der Wand. In jedem lächelt ein Mann oder eine Frau sie an. Die meisten lächeln so verführerisch, als wollen sie sagen: „Nimm mich! Ich bin der beste Vater“ oder „Ich bin eine Mutter zum Liebhaben.“

Zuerst will sich Henriette nach einem geeigneten Vater umzuschauen. Ein Glatzkopf zwinkert ihr schon zu. Glatzen mag sie nicht, aber diese Augen mag sie. Der wird sie sicher sehr lieb haben. Sie bricht einen Splitter von dem Spiegel ab und legt ihn in das Kaleidoskop. Dann ist da einer mit grauen Haaren, der gefällt ihr eigentlich auch nicht besonders, aber der Brezelschnurrbart ist super. Von dem Mann mit kohlschwarzen Haaren, der wie ein spanischer Stierkämpfer aussieht, nimmt sie den größten Splitter.

Sie ist sich nicht sicher, ob sie alles richtig macht. Vielleicht ist es verboten, von jedem Spiegel nur einen Teil abzubrechen? Egal, ihr macht das Spiel Spaß. Die Spiegelsplitter, die ihr gefallen, liegen nun im Kaleidoskopkasten. Jetzt muss sie noch die Eigenschaften ihres Vaters zusammentragen.

An einem Spiegel lehnt ein Schild: „Kinder gehören verdroschen, wenn sie nicht parieren!“ So einen Vater will sie nicht. Auch von dem anderen hält sie nicht viel. „Solange meine Kinder ihre Füße unter meinen Tisch stellen“, steht auf seinem Schild geschrieben, „essen sie, was auf den Teller kommt!“ Bloß nicht! Was, wenn jetzt Sülze mit Bratkartoffeln auf den Teller kommt? Alles, aber nicht Sülze!

Einen anderen findet Henriette nicht übel. „Ich wünsche mir so gern Kinder. Ich würde auch in den Ferien schon am Morgen mit ihnen Federball spielen.“ Das wäre was. Er hat zwar grün gefärbte Haare – trotzdem bricht sie ein Teil ab und legt es zu den anderen Spiegelsplittern in den Holzkasten. Ein Vater verspricht Henriette, dass er sie zur Schule hinten auf dem Fahrrad mitnehmen werde. Gebongt, auch von dem nimmt sie etwas. So geht das stundenlang.

Jetzt fehlt nur noch die Mutter.

Henriette sucht eine zum Schmusen und eine, der sie alles sagen kann. Zum Beispiel, dass sie neulich mit einer Schulfreundin heimlich eine Zigarette hinter dem Gebüsch geraucht hat und dabei einen Hustenanfall bekam. Die Mutter, die sich Henriette wünscht, würde nicht schimpfen, und beim Vater petzen schon gar nicht.

Mal entscheidet sie sich für eine poppige Haarfrisur, ein anderes Mal für einen roten Minirock. Weil Henriette sich selbst ein wenig pummelig findet, darf ihre Mutter auch etwas mollig sein. Sie greift daneben – jetzt hat sie eine Dickmadame.

Beim Auswählen der Mutter geht Henriette längst nicht so sorgfältig um wie beim Vater, denn sie will auf einmal schnell fertig werden. Peter fällt ihr ein, der wartet doch draußen.

Es wird schon gut gehen.

Sie legt alle Spiegelteile in den Kasten und schüttelt ihn vorsichtig. Dann schaut sie durch das Guckloch und schreckt zurück. Noch einmal schaut sie da nicht mehr durch. Das will sie sich nicht antun. Dazu klirren ihr schrille Klänge in die Ohren, als ob Popmusiker auf einer E-Gitarre hohe Töne so lange auseinander zerren, bis sich die Noten die Beine ausreißen.

Vorbei mit den Wunscheltern! Wie soll sie das Peter später nur erklären? Sie formt beide Hände zum Sprachrohr: „Bitte kommen Sie! Es ist dringend!“

Da hört sie auch schon das Rascheln des Umhanges. Wie ein großer Vogel flattert der Professor von oben herab und blinzelt durch das Guckloch des Kaleidoskops.

„Bitte nicht!“ Henriette reißt ihn weg. Sie schämt sich. Der Professor soll nicht das Durcheinander sehen, das sie angerichtet hat. Aber die schrille Musik ist nicht zu überhören. „Was hast du nur angestellt, Kind?“ Der Professor hält sich die Ohren zu. „Bei dieser Katzenmusik bekommt man ja Kopfschmerzen. Das ist nicht die gemeinsame Melodie zweier Spiegel.“

„Habe ich was falsch gemacht, Professor Wabenweber?“

Der Professor runzelt die Stirn und schaut streng. „Ich glaube, ja.“

„Aber hören Sie!“ Henriette stemmt ihre Arme trotzig in die Seiten. „Noch ist nichts verloren. Und ob das eine Melodie ist. Meine neuen Eltern singen ein gemeinsames Lied, hören Sie! Nur rückwärts.“

„Du hast alles vermasselt! Steig rechtzeitig aus, bevor es zu spät ist!“

„Das werde ich nicht tun!“ Henriette stampft mit dem Fuß auf. „Ich habe sie extra ausgesucht, wenn Sie es genau wissen wollen. Es sind bestimmt die perfekten Eltern. Ich habe sie jetzt schon lieb.“

„Meinetwegen werde glücklich mit ihnen.“ Professor Wabenweber seufzt. „Du kannst jetzt nach draußen gehen. Deine neuen Eltern werden dich erwarten.“

 

5

Die neuen Eltern

 

Draußen blendet die Sonne. Henriette kneift die Augen zusammen. Sie sieht einen Mann von dem Stand mit den kandierten Äpfel auf das Spiegelkabinett zuschlendern. Als er Henriette entdeckt, winkt er: „Hast du Peter gesehen? Mutti und ich warten schon eine halbe Stunde auf euch. Ich will mit euch zu Hause noch eine Partie Federball spielen.“

Auf seinem Kopf kräuselt sich ein schwarzer Haarkranz um eine Glatze. Sie ist rund wie die Kappe eines Mönches. Eine grüne Haarsträhne fällt ihm tief in die Stirn. An einem Ohrläppchen hängt ein klobiger, goldener Ohrring. Sein Brezelschnurrbart kringelt sich um seinen Mund herum. Die karierten Shorts und das rote Jackett mit dem gelben Schlips passen zu einem Clown. Eine Socke ist grünweiß gekringelt, die andere blaurot.

Henriette ist Feuer und Flamme. Dieser oder keiner! Der ist gut drauf. Ein Vater wie im Bilderbuch!

Peter kommt vom Schießstand angerannt. Er sieht Henriette mit dem Mann im roten Jackett. „Redest du jetzt schon mit Wildfremden?“

„Darf ich vorstellen, das ist unser Vater“, sagt Henriette.

Peter bleibt die Spucke weg. „Hast du ein Rad ab?“

„O.k., ich habe da vielleicht einiges verkorkst“, gibt Henriette zu. „Aber er ist trotzdem prima. Sieh ihn dir doch an.“

Es blitzt. Eine Frau, so rund wie ein Pfannkuchen, mit lila getönten Locken, steckt ihren Fotoapparat ein und wedelt mit der Handtasche. „Huhu! Kinder, gefällt euch der Rummel wenigstens? Wir wollten euch einmal etwas Großartiges bieten.“

Sie trägt grüne Stöckelschuhe mit einer blauen Rose. Der knallrote Rock reicht ihr nur knapp über die Knie. Sie gestikuliert mit den Händen und macht Peter und Henriette Zeichen. „Wollt ihr noch mal Achterbahn fahren?“ Sie wendet sich an den Vater: „Arthur, sei heute großzügig.“

Der lacht: „Ich wollte eigentlich nach Hause, Federball spielen mit den beiden. Aber wenn du unbedingt willst, Wilma, fahren sie noch mal Achterbahn. Mir soll’s recht sein. Wollt ihr?“

Die Kinder nicken begeistert.

„Oder lieber Kettenkarussell!“, schlägt die Mutter vor. „Das ist nicht so gefährlich.“

„Wilma, eben wolltest du noch ...“

„... ich habe es mir anders überlegt. Na und?“

Peter nörgelt: „Ich will aber Achterbahn.“

„Und ich Kettenkarussell“, quengelt Henriette.

„Streithähne Dass ihr euch nie einigen könnt“, sagt die Mutter.

„Aber Wilma, eben hattest du selbst noch etwas von Achterbahn gesagt.“

„Jetzt bin ich schuld, Arthur? Willst du sagen, ich sei schuld, wenn sich die Kinder immerzu streiten?“

„Nicht doch. Das würde ich nie behaupten.

„Wenn ihr keine Achterbahn und kein Karussell wollt, essen wir kandierte Äpfel.“

„Wilma, das sind Dickmacher. Du sagst doch immer, Henriette soll nicht so viel naschen.“

„Willst du damit sagen, dass wir zu dick sind, deine Tochter und ich?“

Nun ist das Kuddelmuddel da. Peter will zur Achterbahn, die Mutter zum Naschstand, und Henriette möchte Kettenkarussell fahren. Nur der Vater hat genug vom Rummel. Henriette bringt Kuddelmuddel in das Kuddelmuddel. „Darf ich noch einmal ins Spiegelkabinett?“

„Was willst du denn da?“, fragt die Mutter empört.

„Da kann man sich aus Spiegelsplittern neue Eltern zurechtbasteln.“

Die Mutter bekommt eine schneidige Stimme. „Höre ich richtig? Andere Eltern!? Das willst du? Tun Papa und ich nicht immer das Beste für euch? Wir bieten euch diesen Rummel, und du wünschst dir andere Eltern? Womit haben wir das verdient? Schluss, aus! Wir fahren nach Hause.“

Auf dem Weg zum Auto knufft Peter seiner neuen Schwester in die Seite. „Nur wegen dir komme ich jetzt um die Achterbahnfahrt. Das kriegst du heimgezahlt! Irgendwann. Wirst schon sehen, Fettkloß. Du hast total bescheuerte Eltern ausgesucht. Meine zu Hause sind zwar auch nicht gerade der Hit, aber auf alle Fälle besser als die.“

„Stänkere nicht rum!“ Henriette steigt hinten ein.

 

6

Wo wird das neue Zuhause sein?

 

Ein Vater mit Glatze wie ein Spiegelei, die Mutter rund wie ein Drehkreisel – die neuen Eltern von Peter und Henriette! „Die haben echt eine Vollmeise“, flüstert Peter.

„Du hättest mir ja helfen können, statt zum Schießstand zu wollen. Jetzt hör auf zu meckern.“

Peter tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Hast wohl schon vergessen, dass wir bis heute Abend zurück sein müssen. Dein Opa wartet auf uns. Und meine Eltern auch.“

Henriette fühlt sich hin und hergerissen. Natürlich hat sie Sehnsucht nach ihrem Opa, nach seiner Hütte am See, nach dem Spaghettiessen heute Abend erst recht, aber jetzt, da sie endlich Eltern gefunden hat, will sie auch bei ihnen bleiben. Und das nicht für nur einen Tag, sondern für immer. Doch deswegen den Opa einfach allein lassen? Nie im Leben. Henriette grübelt sich Knoten in den Kopf. Sie wird bei Opa anrufen und ihm vorschlagen, mit ihren Eltern zu ihm zu ziehen. Dann wären sie eine große Familie mit Peter als Bruder. Aber dieser Blödkopf muss ja seine eigenen Eltern haben. Sie boxt ihm in die Seite: „Rutsch mal, Knallkopf!“

„Selber Knallkopf!“

Die Mutter schimpft: „Geht das wieder los?!“, und zum Vater: „Müssen sich deine Kinder andauernd streiten? Arthur, sprich du ein Machtwort!“, fordert sie den Vater auf, aber der sagt nur: „Ich muss mich auf den Straßenverkehr konzentrieren.“

„Immer, wenn’s heikel wird, muss ich mich um die Erziehung kümmern“, grollt die Mutter. Jetzt ist nicht der richtige Moment, die Frage nach dem Telefonat mit dem Großvater zu stellen, denn die Mutter hat eine Idee. „Was haltet ihr davon, Farben zu zählen? Du, Henriette, zählst alles, was blau ist, und Peter zählt alle grünen Dinge. Wer am meisten blaue oder grüne Farben gezählt hat, bekommt einen Schokokuss.“

Henriette hat Lust, Peter muss überredet werden. Firlefanz, so ein Spiel! Aber als er angefangen hat zu zählen, findet er es nicht so schlimm, denn es gibt mehr grüne Dinge zu sehen als blaue. Pflanzen, Bäume, Wiesen, alles ist grün, auch das Kleid einer Passantin und das Spitzdachzelt von Campern.

Henriette würde gern die blaue Farbe des Himmels zählen, aber der ist inzwischen grau verhangen, kein Blau spiegelt sich mehr im Wasser. Das einzig Blaue, das sie auf ihrem Zettel notieren kann, ist eine blaue Fahne und die Kluft zweier Pfadfinder auf der Straße.

Henriette verliert, Peter freut sich auf den versprochenen Schokokuss und stichelt: „Du hast nur in den blauen Dunst geraten“, und Henriette kontert: „Du bist dafür noch grün hinter den Ohren!“

Wieder zanken sie sich, das kleine Auto knattert über die Landstraße. Es ist ein Trabant, ein Modell, das heute nicht mehr gebaut wird. Die Motorhaube hat der Vater zu einem Haifischmaul mit fletschenden Zähnen umgebaut. Sieht lustig aus, findet Henriette. Die orange angemalten Kotflügel sind nicht aus Blech, sondern aus Pappe. Witzig! Ein Auto aus Pappkarton, vielleicht zum Selbstbasteln mit Gebrauchsanweisung! Peter und Henriette quetschen sich auf dem Rücksitz zwischen einem großen Kissen und einem Korb voller Äpfel. Auf der Ablage am Heckfenster wackelt ein Stoffdackel mit dem Kopf. Die Kinder sind noch nie in einem Trabant gefahren. Die Geräusche des Zweitaktmotors, der Gestank der bläulichen Abgaswolken – urig das Ganze.

Der Vater biegt in einen Feldweg ein. Henriette ist ganz kribbelig vor Neugier. Der Trabant ruckelt durch die Schlaglöcher, wie die Wagen der Tarantella auf dem Rummel. Sie fahren durch eine Siedlung. „Was bin ich froh, Arthur“, schwärmt die Mutter, „dass wir damals den Bungalow gebaut haben. Und alles nur für die Kinder!“

Henriettes Augen leuchten auf. ‚Bungalow’ hat die Mutter gesagt! In einem Bungalow werden sie wohnen. Ist ein Bungalow nicht eine Villa? Großvaters Hütte am See ist sehr schön, aber sie ist klein. Henriette möchte endlich ein Zimmer für sich allein haben, ein großes Zimmer voller Spielsachen, und zu jeder vollen Stunde käme in der Küche der Kuckuck aus der Kuckucksuhr geflogen. Die Uhr wäre ein Geschenk von ihrem Großvater, der Opa käme bald zu Besuch. Ach, der Opa. Sie will fragen, ob sie ihn anrufen darf, aber es bietet sich einfach keine Gelegenheit dazu.

 

7

Eine Seifenblase zerplatzt

 

Da ist sie schon, die Villa! Weiß getüncht, umgeben von akkurat geschnittenen Hecken, eine elektrische Glaslaterne ist neben der Eingangstür befestigt. Hinter den Hecken erkennt Henriette einen säuberlichen Rasen; Gartenzwerge schieben Schubkarren oder suchen Schatten unter Fliegenpilzen. In der hintersten Ecke des Gartens schimmert es blau. Super! Ein Swimmingpool!

Auch Peter staunt. Hut ab! Die Eltern, die sich Henriette ausgesucht hat, scheinen reich zu sein. Peters Vater ist Pilot, vielleicht ist sein Fantasievater Filmschauspieler? Dazu würden diese karierten Shorts und das rote Jackett passen. Und das mickrige Auto auch. Schauspieler fahren doch manchmal solche Karren und laufen ausgeflippt herum.

Der Vater parkt. Die Kinder können es kaum abwarten, auszusteigen. Aber zuerst sind die Eltern dran. Ein Trabant ist schließlich kein Viertürer. Die Mutter hat Mühe, aus der Beifahrertür herauszukommen. Erst die Füße, dann zwängt sie Po und Bauch ins Freie, schließlich flutscht der Rest nach.

Die verglaste Haustür der Villa öffnet sich, eine Frau tritt heraus. Vielleicht die Tante? Oder die Putzfrau? „Guten Tag, Herr Schmökewitz“, begrüßt sie den Vater. Dann bemerkt sie Peter und Henriette. „Na, ihr beiden, sieht man euch auch mal wieder?“

Peter flüstert: „Ich denk, ich bin im falschen Film!“

Auch die Mutter begrüßt die Frau. „Guten Tag, Frau Schmutz-Wiedemann. Ich bringe nur noch schnell die Äpfel zu uns rüber, dann erscheine ich pünktlich, wie verabredet, bei Ihnen zum Kaffee und erläutere Ihnen das Programm meiner Partei. Sie begleiten doch meinen Mann und die Kinder später zu meinem Wahlauftritt auf den Marktplatz, nicht wahr?“

Wahlauftritt? Ist die Mutter etwa Politikerin? Aus der Traum vom Leben in der Villa! Frau Schmutz-Wiedemann wohnt in diesem großen weiß getünchten Haus, sie ist die Nachbarin, und sie sagt, selbstverständlich käme sie mit zur Kundgebung.

Bloß wo werden sie dann mit den Eltern wohnen? Entsetzt schaut Peter zum Nachbargrundstück und sieht eine schiefgeschnittene Hecke, dahinter kniehohes Gras. Der Vater schließt das Tor zu diesem Garten auf. Irgendwie findet Henriette das alles sehr aufregend, Peter würde am liebsten Reißaus nehmen. Aber das geht nicht mehr. Er heißt jetzt Peter Schmökewitz und ist der Sohn von Herrn und Frau Schmökewitz. Mitgehangen – mitgefangen!

Hätte er nicht diese idiotische Idee gehabt, auf die Insel zu rudern und mit Henriette in die Höhle zu kriechen, könnte er jetzt bei seinen Eltern in der Hollywoodschaukel auf der Terrasse sitzen und auf Rhododendrenbüsche und Rosensträucher blicken, nicht in diesen verwilderten Urwald. Was soll das hier nur für ein Zuhause sein? Zwei krumm und schief zusammengenagelte Hütten auf grauen Feldsteinen, verbunden durch ein Wellblechdach voller Löcher! Unter dem Dach stehen vier alte Stühle um einen runden Plastiktisch. Das Ganze nennen sie Bungalow.

Die Mutter geht ins Haus. „Bitte stört mich nicht. Ich werde mich jetzt für die Wahlveranstaltung restaurieren.“

„Restaurieren?“, fragt Peter belustigt. „Macht man das nicht mit Häusern? Das hier hätte es zum Beispiel dringend nötig!“

„Jungelchen, werd nicht frech. Tu nicht so, als wüsstest du nicht, was Restaurieren heißt. Ich habe es dir oft genug erklärt. Ich zeichne mit einem schwarzen Stift meine Augenbrauen nach und male meine Lippen rot. Nicht nur Häuser muss man restaurieren, auch eine Frau muss das tun, sonst kann sie nicht auf die Straße gehen, schon gar nicht als Bürgermeisterkandidatin.“

„Und der Negerkuss, den du mir im Auto versprochen hast?“

„Der was?“ Die Mutter ist entrüstet. „Du meinst den Schokokuss. Sag nie wieder ‚Negerkuss.’ Das habe ich dir schon hundertmal gesagt. Früher hat man das gesagt. Aber es ist gehässig.“

Die Mutter geht in die Küche und holt aus dem oberen Fach einen Schokokuss heraus. Als Peter ihn in den Mund schiebt, steht Henriette halb versteckt hinter dem Türpfosten. Der Mutter entgehen nicht die neidischen Blicke ihrer Tochter. „Hättest dir beim Farbenzählen ja mehr Mühe geben können!“

Mit gesenktem Blick schleicht Henriette raus. Die Mutter ruft ihr hinterher: „Schaff du erst mal eine 3 in Rechnen, dann können wir über Schokoküsse reden.“

Inzwischen ist der Vater wieder am Auto und kippt eine Flasche Öl in den Motor. Kein Motoröl, sondern Speiseöl. Das soll besser für den Motor sein.

Peter will weg! Und wenn’s nur für eine Stunde ist. „Vater“, fragt er, „darf ich vor dem Abendbrot noch Rad fahren?“

Der Vater nickt. „Aber nimm nicht wieder meins!“

Im Fahrradschuppen stehen zwei Räder, ein grünes und ein blaues. Welches wird dem Vater gehören? Peter weiß es nicht. Wie soll er auch? Er ist neu hier. Er kennt absolut gar nichts in diesem Schuppen. Egal! Er nimmt das blaue Fahrrad, setzt sich drauf und strampelt los. Das Schutzblech scheppert, der Hinterreifen eiert.

Als der Vater vom Ölwechsel zurückkehrt, sieht er die Bescherung. „Hat sich der Bengel wieder meinen Drahtesel geschnappt! Wie oft habe ich ihm gesagt, er soll nicht den blauen nehmen.“

Die Mutter hat sich zu Ende restauriert und stolziert mit schwingenden Hüften zum Gartentor. Sie trägt nicht mehr den rosa Minirock, unter dem ihre Beine wie Säulen hervorragen, sondern ein weites schwarzschillerndes Kleid. Am Gartentor ruft sie schrill: „Frau Schmutz-Wiedemann, hier bin ich! Ich habe alle Broschüren vom Wahlkampf dabei“, und Frau Schmutz-Wiedemann trällert zurück: „Frau Schmökewitz, ich erwarte Sie! Der Kaffee auch!“

Kaum ist die Mutter fort, fällt es Henriette wieder ein. Sie muss den Opa benachrichtigen.

 

 

8

Das Federballmatch

 

Henriettes Opa ist nicht nur ein klasse Opa und toller Geschichtenerzähler, sondern auch ein großer Bastler. Aus Konservendosen zaubert er hohe Technologie. In den letzten Sommerferien, als Peter die beiden besuchte, hatte jemand eine Badewanne an den Wegrand gestellt, von der die Emaille abplatzte. Großvater klemmte ein Brett zwischen die Wannenränder, hakte ein schwarzes Telefon mit Wählscheibe an einen in den Ausguss gerammten Mast und erklärte: „Dies ist ein Raumschiff. Beschäftigt euch damit. Ihr könnt damit zu den Sternen und noch weiter reisen.“

Peter und Henriette gaben dem Raumschiff den Namen ‚Micromégas’, sie sausten durch die Milchstraße, atmeten Sternenstaub ein, wichen Kometen aus und grüßten lässig mit der Hand, wenn ihnen andere Raumschiffe entgegenflogen. Als die Badewanne eines Tages weggeschafft wurde, hatten sie in ihrem ‚Micromégas’ das Universum hin und zurück durchflogen.

Das ausgediente Telefon, mit dem Peter und Henriette zu anderen Planetenstationen telefonieren konnten, funktionierte genauso gut wie das richtige Telefon des Großvaters. Nämlich gar nicht. Er hat es sich von zweiter Hand besorgt und freute sich, Geld gespart zu haben. Es funktionierte nicht, also reparierte er es.

Henriette will gerade Opas Nummer wählen, da läutet bereits das Telefon. Sie nimmt ab.

„Hier ... O ... Himm ...“ Henriette versteht nur Abgehacktes: „Ich ... neu ... Tele ... Trödler ... holt.“

Typisch Großvater! Sein Telefon ist mal wieder kaputt. Aber woher hat er nur die Nummer ihrer neuen Eltern?

„Opa! Hörst du mich?“, schreit Henriette in die Muschel.

„Gestern ... fon ... kauft!“

Nur jedes zweite Wort ist zu verstehen. „Opa, dein Telefon ist kaputt!“

„Quatsch ... euer ... putt“, ruft der Großvater zurück.

„Opa, wir haben super Eltern gefunden, Peter und ich“, flüstert Henriette in die Muschel, damit es ihr Vater nicht hört. Hoffentlich würde der Großvater sie am anderen Ende der Leitung verstehen. Obwohl sie das nicht so ganz genau weiß, stellt sie die entscheidende Frage: „Dürfen wir noch eine Weile bleiben?“

Gott sei Dank, der Großvater hat verstanden. „Ich ... Bescheid. Man ... mich ... unterrich ... Peters Eltern ... einverstanden. Bleibt ... lange ... ihr wollt.“

Hat ihr neuer Vater etwa schon mit Großvater gesprochen und ihm die Nummer gegeben? Egal, Hauptsache, sie dürfen bleiben.

„Na, wann wird er uns besuchen?“ fragt der Vater und streicht sich über die Spiegelglatze. Darüber hat sie doch gar nicht mit Opa gesprochen. Sie will ihren Vater fragen, ob er was weiß, aber er schlägt plötzlich ein Federballmatch vor. Henriette soll die Schläger holen, weiß bloß nicht, wo sie sind. Fragend guckt sie den Vater an. 

„Du bist mir vielleicht ein Schusselkopf. Im Kinderzimmer, wo denn sonst? Das weißt du doch. Beeil dich, bevor Mutti zurückkommt, ich baue schon mal das Feld auf.“

Henriette läuft zum Bungalow. Auf der Terrasse bleibt sie stehen. Wohin nun? Nach rechts oder nach links? Sie war doch noch nie hier. Sie entscheidet sich für rechts. Das Wohnzimmer - wie das hier aussieht! Ein schokoladenbraunes Sofa, ein klobiger Sessel vor dem Couchtisch. Die Tapete ist mit verblichenen Rosen gemustert. In einer Nische die dunkelbraun lackierte Schrankwand mit einem Schwarzweißfernsehgerät, einem Plattenspieler und einem Tonbandgerät. Von CD und DVD haben sie wohl noch nichts gehört. Eine seltsame Welt.

Henriette läuft in die andere Hälfte des Bungalows. Hier ist das Kinderzimmer. An beiden Wänden stehen Betten. Über einem sind Poster von großen Brücken an die Wand gepinnt, darüber ist ein Regal mit gelben und roten Baggern und Kränen. Auf dem Bett, das sicher Peters Bett ist, liegt ein Elektrobaukasten. Auf ihrem liegen flippige Klamotten vom Secondhandshop und ein aufgeschlagenes Buch. Auf dem Schreibtisch ein Computer.

Eigentlich hatte Henriette von einem eigenen Zimmer geträumt. Jetzt findet sie es gut, dass sie sich das Zimmer mit ihrem Bruder teilt. Da kann sie ihm abends aus ihren Büchern vorlesen, und er würde ihr vor dem Einschlafen mit verstellter Stimme das Gruselmärchen vom Zauberer erzählen, der zum Grafen sagt: „Gib mir mein goldenes Bein zurück!“

Überall sucht Henriette nach den Federballschlägern. In der Truhe sind Faschingskostüme aufgehoben, hinter der Gardine lehnt der Staubsauger, dafür findet Henriette sie im Bettkasten. Gut gelaunt hüpft sie in den Garten.

„Spielen wir nach Punkten oder nur so?“

Henriette weiß nicht, was sie antworten soll. „Nur so“, sagt sie.

„Wie du willst.“

Sie schlagen den Ball hin und her . Es klappt ganz gut. „Willst du was naschen?“, fragt der Vater nach einer Weile.

„Ich darf doch nicht.“

„Lass Mutti nur reden. Die könnte auch ein paar Pfunde weniger vertragen. Los, heute sündigen wir.“ Der Vater verschwindet im Bungalow und kommt nach einer Weile mit einer großen Schachtel wieder. Schokoküsse.

Er gibt Henriette einen, nimmt sich selbst einen, wirft den Schokokuss in die Luft und schlägt nach ihm. Seine grüne Haarsträhne wippt ihm dabei in die Stirn. Henriette weiß nicht, was sie davon halten soll. Lachen wird wohl das Beste sein. Sie nimmt auch einen Schokokuss, wirft ihn hoch und schlägt ihn zum Vater. Wie eine knollige Clownsnase bleibt er in ihrem Gesicht pappen.

„Achtung! Ich schieß jetzt eine Rakete zum Mond!“ Henriette holt aus und schlägt mit viel Kraft zu. Der Schuss geht nach hinten los.

Ein greller Aufschrei: „Arthur! Was bringst du dem Mädchen bei!“

In ihrem schwarzen Ausgehkleid steht die Mutter im Gartentor. Auf ihrer rechten Brust prangt eine Brosche. Sieht nicht schlecht aus, die Brosche, findet Henriette. Sie muss sich ein Lachen verkneifen. Die Mutter reißt sich den Schokokuss von der Brust und pfeffert ihn ins Gras. Wütend funkelt sie ihre Tochter an. „Wie sehe ich jetzt aus? Soll ich so zur Wahlveranstaltung gehen?“

„Wilma, es war meine Schuld.“

„Willst du mir in den Rücken fallen? Es war ihre Schuld! Deine Tochter ist ein ganz gerissenes Ding. Die hat’s faustdick hinter den Ohren. Deine Erziehung! Ich sag’s ja. Aber nicht mit mir. Nicht mit mir!“ Die Mutter stampft in den Bungalow. Von weitem hören Henriette und der Vater ein drittes Mal: „Aber nicht mit mir.“

Henriette treten Tränen in die Augen. Der Vater streicht seiner Tochter übers Haar. „Sie meint es nicht so. Ihre Nerven, die Anstrengung um die Kandidatur als Bürgermeisterin. Versteh.“ Henriette schluchzt noch immer. Der Vater versucht es anders. „Morgen ist der ganze Wahltrubel vorbei. Da bringe ich dich wieder zur Schule ... du weißt doch, auf meinem Dienstfahrrad. Hinten drauf.“

Nichts weiß Henriette. Aber mit dem Dienstfahrrad? Hinten drauf? Hört sich vielversprechend an. Davon hat sie schon im Spiegelkabinett gehört. Sie wischt sich die Tränen aus den Augen.

Sie muss sich jetzt fertig machen, denn gleich geht es zur Wahlveranstaltung. Die Mutter will wirklich zur Bürgermeisterin gewählt werden. Total verrückt! Doch wo ist Peter? In zehn Minuten müssen sie los und von Peter keine Spur. Anstatt sich auf ihre Rede vorzubereiten, tobt die Mutter und beschimpft den Vater, weil er seinem Sohn erlaubt hat, so spät noch Fahrrad zu fahren.

  

9

Die Wahl

 

Zehn Minuten warten sie vergebens auf Peter, dann müssen sie los, die Mutter würde sich sonst verspäten. Das wäre ein Skandal, jetzt, wo sie im Rampenlicht der Öffentlichkeit der Kleinstadt steht. Blitzlichter über Blitzlichter, Journalisten über Journalisten mit Notizblöcken.

Die Mutter ist ein einziges Nervenwrack. Ihr so wichtiger Wahlauftritt in wenigen Minuten und dann ihr Sohn nicht da – das hält sie nicht aus. Zu spät werden sie sowieso kommen. In einem Trabant mit Haifischmaul will sich die Kandidatin nicht in der Öffentlichkeit blicken lassen. Ihr Mann muss den Wagen weit abseits vom Wahltrubel parken. „Und das fällt dir jetzt ein!“, schimpft er, lacht dann aber gleich wieder versöhnlich. „Dabei kommt der Spielmann auch nur mit dem Fahrrad!“

Von jedem zweiten Baum lächelt die Bewerberin für den ersten Posten im Städtchen Henriette zu; die anderen Bäume sind für Herrn Spielmann, ihrem Gegenkandidaten, reserviert. Auch er lächelt wie jemand, der allen verspricht, ihnen das ganze Glück der Welt in die Taschen zu zaubern, wenn man ihn nur wählen würde. „Spielmann ins Rathaus“, steht unter seinem Bild. „Wählt Wilma Schmökewitz!“, unter dem der Mutter.

„Beeil dich, Arthur.“ Aus Nervosität stößt der Vater beim Einparken mit der Stoßstange gegen einen Holzpfosten. Er stellt den Trabbi auf einem sandigen Parkplatz mit Wasserpfützen ab und muss eine Parkgebühr zahlen.

Die Mutter hatte nicht einmal Zeit, ihr Kleid mit der Schokofleckbrosche zu wechseln. „Not macht erfinderisch!“, sagte sie und befestigte den Orden für ihre ehrenamtliche Tätigkeiten im städtischen Altenheim über die bekleckerte Stelle. Diese Verdienstauszeichnung käme bei den Bürgern sicher gut an und würde ihr noch mehr Stimmen bringen.

Zum letzten Mal schaut sie in den Rückspiegel und richtet ihre Frisur. Dann hüpft sie im Zickzacklauf um die Pfützen herum zur Wahlveranstaltung, Henriette und der Vater hinterher. Der Marktplatz ist überfüllt von Menschen. Aus der Mitte ragt das Bronzedenkmal eines Mannes, der in seinen Händen Buch und Stift hält. Die Drei werden von den Parteianhängern der Mutter begrüßt. Ein dicker Mann in blauem Blazer klopft Henriette lächelnd auf die Schulter, eine qualmende Zigarre in der Hand. „Aus dir wird sicher einmal was Prächtiges!“

Henriette findet den Dicken nur blöd. Ein Wildbraten ist prächtig. Der Dicke prophezeit ihr eine rosige Zukunft: “Bei der Mutter wirst du sicher auch Politikerin.“

„Vielen Dank“, würde sie gerne sagen, „mir ist mehr danach, Sterne zu pflücken und sie in meiner Fantasie auf die Erde fallen zu sehen.“ Aber warum mit so einem alten Knacker streiten?

Ein Journalist von der Zeitung wird die Kandidaten gleich befragen. Die Bürger von Dum sollen nach jeder Antwort klatschen. Die Länge jedes Applauses wird mit einer Stoppuhr gemessen, und wer am Ende am meisten Beifall erhalten hat, gewinnt die Wahl.

Frau Schmökewitz wuchtet sich die Treppe zur Bühne hoch. Auf ihrer lilagetönten Frisur sitzt elegant ein grüner Hut, auf dem eine Pfauenfeder sitzt. Wenn sie den Kopf bewegt, wackelt die Feder. Die Kandidatin stellt sich hinters Pult und winkt in das Publikum: „Huhu!“

Ihr gegenüber steht Fritz Spielmann in blaurotkarierten Knickerbockerhosen wie ein Detektiv aus einer englischen Kriminalserie. Auf dem Kopf trägt er eine dazu passende Schiebermütze. Der Reporter drückt jedem der beiden Kandidaten ein Mikrofon in die Hand und greift dann selbst nach einem. „Können wir beginnen? Sind Sie bereit?“

„Nur noch eins!“, Henriettes Mutter schnippst mit dem Finger. „Ich will jemanden grüßen. Und zwar meine Nachbarin, Frau Schmutz-Wiedemann. Darf ich?“

„Sie dürfen“, sagt der Reporter.

„Huhu, Frau Charlotte“, grüßt Henriettes Mutter. „Ich hoffe, Sie werden heute ganz lange für mich klatschen.“

„Gut. War’s das?“, fragt der Reporter. „Dann lassen Sie uns jetzt mit den diesjährigen Wahlen in Dum beginnen. Also, Ladies first, wie man so schön sagt. Den Damen der Vortritt. Frau Schmökewitz, wie wollen Sie unser Städtchen verschönern.“

„Was soll ich dazu sagen? Da ich die ‚Waldmeisterpartei’ vertrete und Grün nun einmal die schönste Farbe ist, die es gibt, denn grün sind Gräser und Bäume ... drum, weil so viel schöne Dinge auf der Erde so grün wie die Hoffnung sind, befürworte ich eine Streichung aller Zäune in Grün.“

„Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie alle grünen Zäune in unserer Kleinstadt streichen, also beseitigen“, hakt der Journalist nach.

„Aber nein doch!“, widerspricht die Kandidatin. „Grün anstreichen, nicht wegstreichen, denn der Mann, der unsere Partei unterstützt, finanziell, meine ich, liebt auch das Grün.“

„Können Sie uns seine Gründe genauer erläutern?“

„Das darf ich nicht. Ich kann nur sagen, Mister ... pardon ... den Namen darf ich noch nicht nennen ... wird unsere Stadt glücklich machen, wenn Sie mich wählen.“

Mäßiger Applaus ist zu hören, einige Pfiffe. Viele fragen sich misstrauisch, welcher Mann sich hinter der ‚Walmeisterpartei’ verbergen mag. Henriette aber ist stolz auf ihre Mutter, wie sie so hinter dem Rednerpult steht und ganz cool die Frage des Zeitungsreporters beantwortet. Das hätte sie ihr gar nicht zugetraut. Henriette klatscht länger als alle anderen. Ein Schiedsrichter auf der Bühne hat auf die Uhr geschaut. „Genau zwei Minuten fünfunddreißig Sekunden“, ruft er in die Menge.

Neunundfünfzig Sekunden davon sind sicher der Applaus von Henriette. Vielleicht ist das ja Wahlschummel, aber Henriette ist das egal, es ist schließlich für ihre Mutti. Der Journalist stellt nun die gleiche Frage an den Gegenkandidaten: „Und Sie, Herr Spielmann, wie wollen Sie die Stadt verschönern?“

„Meine Blaumeierpartei will auch alle Zäune streichen, aber nicht in Grün, sondern vorerst in Blau. Aber das ist lediglich unser Nahziel. In baldiger Zukunft planen wir, alle Zäune aus unserem Stadtbild wegzustreichen, denn Zäune haben etwas Trennendes. Sie verbieten Kindern auf Rasenflächen zu spielen. Ja, manchmal müssen sie wegen eines Zaunes auf der Straße spielen. Um den See kann man auch nicht mehr spazieren, weil überall Privatgrundstücke durch Zäune getrennt sind.“

Herr Spielmann bekommt für seine Antwort vier Minuten fünfundfünfzig Sekunden tosenden Beifall.

Die Wahl ist entschieden: Der nächste Bürgermeister von Dum heißt Herr Spielmann. Trotz des Altersheimordens über dem Schokofleck hat Frau Schmökewitz nicht genug Applaus bekommen.

Im Auto sagt keiner etwas. Die Mutter hatte sich so viel von diesen Wahlen versprochen. Die einzige, die sich traut, etwas zu sagen, ist Henriette. Von hinten legt sie ihre Arme um den Hals ihrer Mutter. „Nicht traurig sein. Bei den nächsten Wahlen schaffst du es bestimmt!“

Die Mutter wischt sich eine Träne aus dem Auge. „Nur, weil mein Peter nicht dabei war. Andauernd musste ich an ihn denken. Er wäre mein Talisman gewesen.“

 

10

Ein seltsames Spiel

 

Peter hat sich verfahren. Anstatt den Weg am Pfuhl entlang zu nehmen, ist er über die Pirschheide geradelt, natürlich ein großer Umweg. Aber er ist schließlich zum ersten Mal in dieser Gegend.

Die Mutter kreischt, als sie im Kinderzimmer leise Musik hört: „Der Junge wagt es, so spät nach Hause zu kommen!“

„Sei froh, dass er überhaupt da ist“, beruhigt sie der Vater.

„Als gute Mutter darf ich den Bengel nicht verwöhnen.“

Der Vater kann nicht verhindern, dass sie ihren Sohn ohne Abendbrot ins Bett schickt. „Der wird bald wissen, was er davon hat, nach Hause zu kommen, wann es ihm passt.“

Henriette hat keine Lust aufs Abendbrot. Bei dem Stunk will sie nicht dabei sein. Die hat vielleicht eine Laune! Henriette zieht sich lieber zu Peter zurück. Der tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Die spinnt ja!“

Henriette kichert leise: „Nicht so laut! Wenn sie dich jetzt hört.“ Sie legt sich ins Bett.

Peter hat noch keine Lust, zu Bett zu gehen. „Lass die sich die Köpfe einschlagen“, sagt er. „Ich geh noch an den Computer. Guck mal, was ich vorhin in einer Schachtel, gefunden habe. Ein PC-Spiel. Super, was?“ Er setzt sich an den Schreibtisch und fährt den Computer hoch.

Die Eltern streiten weiter. Peter am Computer und Henriette im Bett können jedes Wort verstehen. Die Mutter spult sich wieder auf: „Sie sind auf einmal so anders, so aufsässig. Du verziehst sie.“

„So sind sie nun einmal in dem Alter. Man muss Geduld mit ihnen haben.“

„Ach was, Geduld! Du verweichlichst sie. Das ist alles.“

Lass sie reden!, denkt Peter. Henriette hört, wie er mit der Maus klickt, manchmal ertönen aus den Lautsprechern schrille Melodien wie beim Flippern. Plötzlich: „Komm schnell! Das musst du sehen!!!“

Sie krabbelt aus ihrem Bett und schaut ihrem Bruder über die Schulter. Auf dem Bildschirm sieht sie ein Mädchen und einen Jungen an einer Landzunge sitzen. Peter geht mit dem Cursor auf etwas Dunkles im Schilf. Ein Ruderboot wird sichtbar. Die Kinder waten zu dem Boot und rudern zu einer Insel. Auf der Insel bricht ein Gewitter los. Die Kinder haben die Wahl: Zurück rudern oder in eine Höhle robben.

Peter schickt sie in die Höhle. Immer weiter, immer tiefer lässt er seine Spielfiguren laufen. Auf jedem neuen Feld bekommen sie eine Aufgabe.

„Irre, was?“ Peter guckt konzentriert auf den Bildschirm. „Kommt dir bekannt vor, oder? Von wegen, Computer haben Nachteile! Wir können unsere Reise hierher nachspielen.“

Henriette bläst die Backen auf. „Das ist wirklich unser Spiel! Unsere Geschichte! Mal sehn, wie es weitergeht!“

Die Tür wird aufgerissen, und die Mutter zwängt sich durch die schmalen Türpfosten: „Aha!“, kläfft sie wie ein Mops. „Habe ich euch ertappt! Ihr schlaft noch nicht. Dabei müsst ihr morgen früh raus!“

Sie schaut auf den Monitor. „Das ist ja unser Kleinstadtspiel! Das von Mister Ron Green? Ich dachte, wir hätten es längst nicht mehr. Wo habt ihr es gefunden?“ Die Mutter krault sich am Kinn und murmelt vor sich hin: „Mister Green, der große Meister in Sachen Computertechnik, mein Verbündeter! Früher oder später wird Peter hinter das Geheimnis kommen ...“ Dann flüstert sie so leise, dass die Kinder kaum noch verstehen: „... ich bräuchte ihn nur auf meine Seite ...“ mehr bekommen sie nicht mit. Die Mutter räuspert sich.

Sie streicht Peter mit der Hand über den Lockenkopf. „Du musst wissen“, sagt sie mit einschmeichelnder Stimme, „dass du mein Bester bist. Du bist sportlich, bist gut in der Schule ... überhaupt, du mit deinen wuschligen Locken warst doch schon immer Mamas Liebling, nicht wahr? Lass dich mal drücken, mein Junge. Aus dir wird bestimmt mal etwas. Du hast so viele Talente.“

Peter schaut zu Henriette hinüber, als wollte er der Mutter hinterm Rücken einen Vogel zeigen. Henriette spürt, dass das Lob für Peter gleichzeitig eine Kritik an ihr ist. Sie ist pummelig, alles andere als sportlich, und gut in der Schule ist sie erst recht nicht. Aber dumm ist sie nicht. „Wer ist Mister Green? Sag!“

Die Mutter macht eine barsche Handbewegung. „Das geht dich gar nichts an. Kümmere du dich um deine eigenen Sachen.“ Sie wendet sich wieder zu Peter. „Ich hatte solche Angst um dich, weißt du? Da bin ich sehr ärgerlich geworden. Du musst mir versprechen, so etwas nie wieder zu tun. Allein im Wald, das ist gefährlich für einen zwölfjährigen Jungen. Also, nie wieder! Versprochen? So, jetzt bekommst du etwas zu essen. Ich lasse doch meinen Peter nicht verhungern. Das Kleinstadtspiel darfst du selbstverständlich spielen, so oft du willst. Aber nicht zur Schlafenszeit!“

Die Mutter verschwindet in der Küche und kehrt bald mit einem Teller voll Wurst- und Käsebroten zurück. „Hier, für meinen Gotteslohn.“ Peter verdreht die Augen. „Zum Nachtisch gibt es zwei Schokoküsse. Aber sag nie wieder Negerkuss, hörst du? Das ist böse und gehässig.“ Als sie wieder Henriettes Blicke sieht, sagt sie: „Du bist dick genug!“

Peter isst, die Mutter schielt auf den Bildschirm. „Ach, da bist du schon! Mitten im Spiel. Sieh, dorthin, auf dieses schwarze Feld könntest du gehen, mein Junge. Vielleicht fährst du gut damit. Überleg es dir. Ist nur ein Vorschlag.“

Neugierig guckt Peter auf das Feld., die Mutter beobachtet ihn. Er zögert.

„Nein“, ruft Henriette. „Tu es bitte nicht. Ich kann dir nicht sagen, warum, aber ich ahne, dass es Unheil bringen wird.“

„Halte du dich da raus! Was verstehst du schon von Computerspielen? Dein Bruder spielt ein einfaches Spiel, das Spiel unseres Städtchens. Du hast doch keine Ahnung!“

Peter grinst: „Schon erledigt. Das Feld ist bereits angeklickt.“

Henriette starrt ihren Bruder an. Sie will etwas sagen, bekommt aber keinen Ton heraus. Die Mutter verlässt das Zimmer. Peter spielt weiter. Henriette zieht ein Buch aus dem Bücherregal. Sie kann sich nicht konzentrieren und muss jeden Absatz noch einmal lesen. Nach einer halben Stunde wird die Tür erneut aufgerissen: „Jetzt wird aber geschlafen!“ Peter muss den Computer herunterfahren, die Mutter knipst das Licht aus und schließt die Tür.

Henriette flüstert: „Peter, ich bin überhaupt nicht müde.“

„Mir doch egal!“

„Warte es ab. Es wird wieder besser mit Mutti. Die ist schlecht drauf, weil sie heute nicht gewonnen hat.“ Nach einer Weile: „Gib mir mal deine Taschenlampe? Ich lese uns was vor.“

„Das ist meine. Die rücke ich nicht raus.“

„Was hast du nur? Du bist auf einmal so anders. Hat das etwa mit deinem Klick zu tun?“

„Rutsch mir den Buckel runter, dumme Streuselschnecke.“

„Bist du gemein!“

Schritte sind zu hören. Leise öffnet der Vater die Tür und sieht nach dem Rechten. „Schlaft schön. Und keine Geschichten mehr. Sonst wird die Mutti schimpfen.“

„Peter redet sowieso nicht mehr mit mir. Der ist auf einmal so gemein, seit er das eine Feld angeklickt hat.“

„Welches Feld?“

„Im Kleinstadtspiel.“

Der Vater bekommt den Mund nicht mehr zu: „Peter spielt das Kleinstadtspiel? Das darf nicht wahr sein!“, schnauft er. „Bist du etwa auf dem Unglücksfeld gelandet: ‚Ich teile nicht mehr mit meiner Schwester; ich streite nur noch mit ihr.’ Sag, Bürschchen, welcher Teufel hat dich geritten, dieses Feld anzuklicken? Willst du unsere Familie zerstören?“

Peter dreht sich zur Wand.

 

11

Warum die Mutter wirklich Bürgermeisterin werden will?

 

Irgendwo kräht ein Hahn, Henriette wacht auf, und sofort rattern ihre Gedanken. Der Vater braucht das Fahrrad zur Arbeit. Was für einen Beruf hat er? Fährt er morgens Brötchen aus? Ist er Schiedsrichter beim Radrennen? Er soll nicht merken, dass sie seinen Beruf nicht kennt. Sie muss so tun, als sei es die normalste Sache der Welt, wenn sie hinten auf dem Dienstfahrrad von ihm zur Schule gefahren wird.

Im Flur streiten die Eltern schon wieder. Henriette möchte nichts davon mitkriegen, aber sie sind so laut. Peter schläft noch fest. Vielleicht hat er Heimweh und träumt von seinen richtigen Eltern oder von einer superlangen Brücke zwischen Cuxhaven und Helgoland. Das Hickhack zwischen diesen Eltern, die sie sich gestern im Spiegelkabinett ausgesucht hat, ist wie ein Gewitter mit knopfgroßen Hagelkörnern, die in Henriettes Kopf hineinprasseln. Wie Blitz und Donner schlagen die zänkischen Worte ein. Wollen die Eltern sie etwa wieder ins Heim stecken? Sie hat sie doch gerade erst gefunden. Hätte sie das geahnt!

„Du brauchst dir nicht einzubilden, ich wüsste nicht, warum du Bürgermeisterin werden willst!“, donnert der Vater, und die Mutter blitzt: „Nichts weißt du!“

„Und ob ich es weiß! Ich bin längst dahinter gekommen. Ich bin nicht so dumm wie du denkst.“

„Dann sag es doch, du Schnüffler!“

„Wenn du es hören willst ... bitte!“

Was der Vater jetzt sagen wird, könnte ein Geheimnis sein, deshalb hält sich Henriette sicherheitshalber die Ohren zu. Aber ihre Neugier ist größer. Sie nimmt die Finger wieder aus den Ohren und hört den Vater sagen: „... nur, weil du dir von der Gemeinde unser Haus in deiner Lieblingsfarbe Grün streichen lassen willst. Um Geld zu sparen, hast du das mit den grünen Gartenzäunen im Städtchen in dein Wahlprogramm geschrieben. Du hast alle Kleinstädter damit betört, wie wunderbar es wäre, grüne Gartenzäune zu haben. Und irgend jemand steckt hinter deinen Machenschaften. Er hat auch Interesse daran, dass alles grün wird. Das ist Wahlbetrug! Weil du unser Haus mit der Farbe Grün restaurieren lassen willst, und nur, weil dieser Irgendjemand auch alles in Grün anmalen will, muss das ganze Städtchen grüne Gartenzäune und grüne Häuser bekommen.“

„Willst du damit sagen, ich würde aus Habgier handeln?“

Der Vater lacht laut: „Du begnügst dich doch schon lange nicht mehr mit unserem Bungalow, du willst höher hinaus, willst immer mehr Reichtum und Luxus!“

„Und du traust mir zu, dass ich mich deswegen an der Gemeinde bereichere?“

Henriette hört ein Scheppern. Die Mutter hat einen Teller auf den Boden geschmissen. So also beginnt der zweite Tag in der neuen Familie. „Trau mir das ruhig alles zu. Du wirst schon sehen, zu was ich noch fähig sein werde“, schreit die Mutter. „Jetzt erst recht.“

„Psst, die Kinder. Sie müssen das nicht mitbekommen“, flüstert der Vater.

„Das ist mir nun auch egal.“

„Komm mal her, Wilma. Wir haben uns doch alle lieb.“ Der Vater versucht jetzt bestimmt, die Mutter zu küssen. Henriette stellt es sich genau vor. So etwas kennt sie aus Filmen. Wenn Mann und Frau sich streiten, fängt immer einer an, sich zu versöhnen. Manchmal will die Frau, manchmal der Mann. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Henriette hofft, dass es jetzt klappt. Aber die Mutter kreischt: „Geh mir vom Leibe, Arthur!“, und der Vater beharrt: „Wir sind eine Bilderbuchfamilie. So hat sich Herr Wabenweber uns doch ausgedacht.“

Henriette horcht auf. Professor Wabenweber hatte sie im Spiegelkabinett getroffen, als sie sich ihre Eltern aussuchte. Die kennen ihn also auch!

Peter rekelt sich und gähnt. Henriette nimmt sich vor, ihm nicht auszuplaudern, was sie eben gehört hat. Aber ansprechen will sie ihren Bruder trotzdem. „Vertragen wir uns wieder?“, fragt sie ihn versöhnlich.

„Vertragen?“ Peter stutzt. Jetzt erst scheint er sich an das Computerspiel zu erinnern. Richtig! Seine Mutter hatte ihn gestern Abend überredet, auf das schwarze Feld zu klicken. Da war ihm schon längst klar, dass hier ein seltsames Spiel gespielt wird. Als er mit der Maus auf das Feld klickte, wusste er, was er damit anrichten würde. Jetzt ist er mit seiner Schwester Spinnefeind und will seine Rolle auch weiterspielen. Drum provoziert er: „Mit dir rede ich nicht!“

„Peter! So gemein warst du noch nie zu mir.“

Von draußen ist die messerscharfe Stimme der Mutter zu hören: „Und wenn wir uns scheiden lassen?“

„Scheiden? Bist du des Wahnsinns?! Und die Kinder?“

„Die Kinder? Sie bleiben bei mir. Das heißt, Peter bleibt bei mir. Henriette kannst du haben.“

Ist die gemein! Sie kann der Vater haben! Wie sich das anhört! Sie ist doch kein Fangball! „Hier, den kannst du haben!“ Henriette bereut, dass sie sich ausgerechnet diese Mutter aus den verschiedenen Spiegelsplittern zusammengesetzt hat. Sollen sie sich doch scheiden lassen! Dann bleibt sie halt beim Vater. Der ist wenigstens in Ordnung! Macht Negerkussschlachten und nimmt sie auf dem Fahrrad mit zur Schule. Die mit ihrem ‚Schokokuss’!

Peter kichert. „Hast du das gehört? Dich will sie nicht. Da hast du dir ja eine schöne Mutter ausgesucht. Ich bin ihr Liebling! Einen echten Gefallen hast du mir getan. Bravo!!!“

Wütend trommelt Henriette mit beiden Fäusten gegen seine Brust. „Blödes Muttersöhnchen!“ Peter wehrt die Hiebe grob ab und schiebt seine Schwester vom Bett. Mit dem Hintern quetscht er sie in den Papierkorb.

Die Mutter stürmt in einem rosageblümten Morgenrock ins Zimmer. „Arthur, sieh dir das an. Deine Tochter ist nichts als streitsüchtig.“ Dann ruft sie: „Ich hab’s! Wir trennen die Streithähne für eine Weile.“

„Was hast du vor?“

„Mir wird schon etwas einfallen.“

Wenn ich noch einmal ins Spiegelkabinett dürfte, denkt Henriette, würde ich mir eine andere Mutter aussuchen. Da hat sie auch schon eine Idee. Normalerweise erziehen Eltern ihre Kinder. Aber wenn die Kinder sehen, dass ihre Eltern völlig daneben sind, könnten sie dann nicht ihre Eltern erziehen?

 

12

Die Fahrradpartie

 

Der Vater betritt geschniegelt und gebügelt in blauer Uniform das Kinderzimmer. „Guten Morgen, Henriettchen. Gleich nehme ich dich wieder auf dem Fahrrad mit. Darauf freust du dich doch immer, oder?“

Henriette freut sich wirklich, aber auf was sie sich genau freuen soll, weiß sie beim besten Willen nicht. Neugierig ist sie trotzdem. Gleich wird sie den Beruf ihres Spiegelsplittervaters kennen lernen, und er wird sie auf dem Gepäckträger zur Schule bringen! Wenn das nichts ist! Sie springt aus dem Bett, flitzt ins Bad, waschen, Zähne putzen.

„Und wie kommt Peter in die Schule?“ Henriette hat das mehr für sich gesagt, da hört sie die Mutter rufen: „Kümmere dich um deine Angelegenheiten. Wir haben schließlich noch ein Auto.“ Kann man denn in diesem Haus nirgendwo allein sein? Überall wird Henriette von der Mutter belauscht.

Im Garten, auf dem Weg zum Fahrradschuppen, ist sie endlich mit dem Vater ungestört: „Papa“, fragt sie. „Eltern erziehen ihre Kinder, stimmt’s?“

„Ja, das stimmt. Eltern sind älter, haben mehr Erfahrung.“

„Aber können denn Kinder nicht auch ihre Eltern erziehen?“

Der Vater lacht: „Na, das kann ich mir schlecht vorstellen. Wie soll das funktionieren?“

„Weiß ich auch nicht. War nur so eine Idee.“

„Henriette, du bist eine Träumerin.“ Die Mutter ruft: „Arthur, red kein dummes Zeug. Das Mädchen wird wieder zu spät kommen.“

„Da hörst du’s. Sie schimpft. Lass uns los.“ Henriette steigt auf den Gepäckträger. Bequem ist es nicht, aber toll. Vielleicht fahren sie jetzt auf einen Bauernhof, wo der Schäferhund weggelaufen ist, und der Vater hütet mit dem Fahrrad die Schafe.

Auf der Landstraße geht es eine Weile bergab. Der Fahrtwind weht Henriette ins Gesicht, unter ihrem Po ruckelt es. „Vati, dein Hinterrad eiert!“

„Ich versteh nichts“, ruft der Vater zurück. „Mein Schutzblech klappert.“

Endlich sind sie am Marktplatz von Dum angelangt. Henriette schaut sich die Dächer an. Auf einem Balkon lässt sich ein Mann in einer Hängematte baumeln und liest unter einem regenbogenfarbenen Sonnenschirm. Rote und blaue Blumen hängen wie ein Teppich vom Balkon herab. Auf einer Dachterrasse planscht ein Kind in einem Gummibassin, die Mutter sitzt in einem Liegestuhl und raucht eine Zigarette.

Vor einem großen Gebäude in der Nähe des Marktplatzes hält der Vater an. Sie steigen ab, der Vater lehnt das Rad an die Wand. Über dem Haupteingang hängt ein großes Posthorn. Der Vater ist Postbote. Deshalb die blaue Uniform und die blaue Mütze. Briefträger, findet Henriette, ist besser als ein Politiker im schwarzen Anzug, der langweilige Reden hält und vor laufenden Fernsehkameras auf blöde Fragen blöde Antworten gibt.

„Warte einen Augenblick. Ich bin gleich wieder da.“ Nach einer Weile kommt der Vater wieder heraus. Er hat eine große Ledertasche um die Schulter geschwungen, gefüllt mit Briefen und Päckchen. Sie fahren wieder los. Am Lenker ist ein Brett befestigt. Darauf stempelt der Vater während der Fahrt die Briefe mit einem blauen Stempel. Schließlich muss Henriette rechtzeitig in der Schule sein.

Es sieht lustig aus, wie er mit dem Stempel auf die Briefe klopft. Zack ... stempeldrauf ... zack ... stempeldrauf. Auf einmal wird ein Brief vom Fahrtwind erfasst. „Verdammt!“ Gott sei Dank presst der Wind den Brief an Henriettes Brust. Bevor sie ihn dem Vater zurückgibt, schaut sie neugierig auf die Adresse. Das gibt es doch nicht! „An Professor Wabenweber“, steht drauf. „Reinholdstraße 1.“

Gerne würde sie den Brief behalten und heimlich öffnen, aber so was darf man nicht. Doch die Adresse, die darf sie sich merken. Reinholdstraße 1, da wird sie noch heute Nachmittag vorbeischauen.

Der Vater radelt die Hauptstraße entlang. Er fährt ganz dicht an den Briefkästen der Häuser vorbei, bremst kurz ab, balanciert auf dem Fahrrad, so dass er mit Henriette nicht das Gleichgewicht verliert, steckt dabei schnell einen oder mehrere Briefe in den Kasten und fährt weiter. Henriette darf keine falsche Bewegung machen, sonst würden sie umkippen. Sie ist sehr stolz auf ihren Vater.

Auch beim Fleischermeister Metzlein machen sie einen Abstecher. Dort müssen sie ein Päckchen abliefern. Doch die verflixte Zeit. Die Schule beginnt gleich! Metzlein hackt Koteletts. Das Fenster steht offen. Henriettes Vater wirft das Päckchen hindurch, in dem Moment schlägt Meister Metzlein zu und zerhackt es in zwei Teile.

Die Briefe sind ausgetragen, die Päckchen auch. Der Vater wirft sich in die Pedale. Die letzten Meter geht es bergauf. Henriette fragt den Vater, wie er und die Mutter sich kennen gelernt haben.

„Wie oft soll ich dir das noch erzählen?“, hechelt der Vater. In der Straßenbahn hatte er die Mutter in einer Kurve mit Absicht angerempelt und sie nach der Uhrzeit gefragt, obwohl er selbst eine Armbanduhr hatte.

Sie erreichen ein Gebäude mit einer blauen Zwiebel auf dem Turm. Auf dem Hof tauschen Kinder Karten, manche kicken sich gegenseitig eine zerbeulte Limodose zu. Die Ecken und Kanten des Gebäudes sind krumm und schief, kein Stein sitzt gerade auf dem anderen. Einige Wände sind mit blaugrünen Karomustern gestrichen. In einige Karos sind Fenster eingelassen, aus anderen wachsen Bäume. Henriette vergleicht die Schule mit der, die sie mit Peter in der Wirklichkeit besucht. Total langweilig ist die. Alles graue, rechtwinkelige Außenwände, keine Bäume, die aus den Fenstern wachsen.

Auf dem Spielplatz, neben dem Schulgebäude, steht eine ausrangierte, schwarzrote Lokomotive, auf der einige Kinder herumturnen. Vom Lokführerhäuschen führt eine Rutsche auf die Wiese, etwas für Erstklässler, aber weiter hinten kann man auf einem langen Hängeseil über einen Wassergraben balancieren. Das könnte Peter interessieren.

Vor dem Schulzaun, auf der Kopfsteinpflasterstraße, wartet er schon mit der Mutter vor dem orangefarbenen Trabant. Die Mutter umarmt ihn zum Abschied. „Sei fleißig in der Schule und pass gut in Mathe auf. Du willst doch einmal Ingenieur werden und Brücken bauen. Dazu musst du lernen ... viel lernen.“

Muttersöhnchen, denkt Henriette. Das Muttersöhnchen bekommt einen Kuss von Vater und Mutter, die Tochter nur einen Kuss vom Vater. Den drückt er ihr so heftig auf die Stirn, als wären es drei Küsse. Die Mutter müsste man in ein Heim für schwererziehbare Mütter stecken!

 

13

Das Mitmachbuch

 

Es klingelt zur ersten Stunde. Alle rennen Richtung Schultor. Ein Schüler sagt: „Ab in die Aula! Da liest gleich jemand eine Geschichte vor.“

Peter und Henriette laufen den Kindern hinterher, die Treppe hoch. In der überfüllten Aula drängeln sie sich durch Stuhlreihen. Lehrer ermahnen Schüler, rufen Namen, fuchteln mit den Armen.

Scheinwerfer beleuchten die Bühne. Eine Seitentür öffnet sich, ein spargeldünner Mann mit einem Künstlerhut auf dem Kopf und eine dreimeterlange Parfumfahne hinter sich herziehend, tritt heraus und steigt über das Treppchen auf die Bühne. Gerade wie eine Kerze stellt er sich hinter das Pult. Die Schüler wollen gar nicht aufhören zu klatschen. Ein Lehrer muss auf die Bühne klettern, um den siedenden Saal zu beruhigen. Endlich kommt der Mann dazu, etwas zu sagen. Verlegen hüstelt er ins Mikrofon: „Fast so stürmisch wie bei ‚Tokio Hotel’.“

Jetzt hat er die Verliererkarte gezogen, befürchtet Henriette, und tatsächlich, wieder setzt tosender Applaus ein. Dazu trampeln die Schüler mit den Füßen. Nach einer Weile wird es still. „Ich heiße Schmitt-Ott mit vier T“, sagt der Mann. „Ich möchte euch heute den Anfang eines Buches vorlesen.“ Das Buch, erzählt er, hat er auf dem Krabbeltisch eines Antiquariats entdeckt. „Die Geschichte zweier Kinder, äußerst spannend. Ihr könnt sie euch selbst zusammenbauen.“

„Ein Buch zum Selbermachen? Wie soll das gehen?“

„Ich lese euch die erste Seite vor. Dann seid ihr dran. Einverstanden? Seid ihr bereit?“ Und Herr Schmitt-Ott beginnt. „Ein Mädchen von zwölf Jahren“, liest er, „sommersprossig und rothaarig, radelt mit ihrem Freund zur Landzunge, dort, wo auf der gegenüberliegenden Insel die Kathedrale emporragt.“ Bei dem Wort ‚Kathedrale’ zuckt Henriette zusammen. Sie stößt Peter an. Der flüstert: „Das weiß ich doch alles schon vom Computerspiel, dass uns hier jemand kennt.“

„Wer soll uns noch kennen.?“

„Er hat sich heute morgen bei meinem letzten Klick vorgestellt. Er heißt Mister Ron Green, und er hat uns aus der wirklichen Welt in die Fantasiewelt gebracht.“

„Den Namen habe ich doch schon einmal gehört.“

„Ja, na und? Mutti hat ihn erwähnt. Er ist ihr Verbündeter.“

„Was hat er mit uns vor, dein Mister?“

„Keine Ahnung. Auf alle Fälle scheint es spannend zu werden.“

„Die Welt von Mister Ron Green sieht bestimmt anders aus als die Welt von einem, der Bücher schreibt. Ich jedenfalls vertraue keinem Mann aus einem Computerspiel.“

„Ich ja. Ich vertraue Mister Green, wenn du es genau wissen willst, denn er ist eine Comicfigur, und ich mag Comics.“

Der Vorleser liest inzwischen weiter aus dem ‚Mitmachbuch’ vor. „Der Junge entdeckt im Schilf einen alten Kahn und schlägt vor, zur Insel zu rudern, doch ein Gewitter braut sich zusammen. Seine Freundin traut sich nicht überzusetzen.“

Herr Schmitt-Ott hebt den Kopf und fragt nun sein Publikum: „Na, was denkt ihr? Was sollen die beiden tun?“

Henriette kann sich noch genau an den schwarzgeteerten Kahn und an das Gewitter auf Riotannen erinnern. Für ihre Mitschüler bleibt das alles ein lustiges Spiel. Aus dem Dunkel der Aula werden Vorschläge gerufen. „Das Mädchen könnte mit ihrem Freund auf die Insel rudern, und im Wasser wären lauter Krokodile und Wasserschlangen ...“ - „... genau, eine Wasserschlacht entsteht“, spinnt ein anderer weiter. Einem Mädchen fällt ein: „Ein Krokodil schnappt zu, und der Junge steckt ihm das Ruder ins Maul, so dass es nicht mehr zubeißen kann, und das Mädchen macht in die Wasserschlangen einen Knoten, damit sie nicht mehr würgen können.“

Herr Schmitt-Ott schüttelt sich. „Da wird einem ja Angst und Bange bei euren Vorschlägen. Ein waghalsiges Unternehmen, aber gut, dann lese ich auf Seite 22 weiter?“ Er zögert: „Oder sollen die beiden umkehren? Dann würde ich zur Seite 13 zurückgehen.“

„Jaaa!!! Seite 13“, rufen zwei Schülerinnen, denen das Ganze nicht geheuer ist. „Umkehren!“

„Neeein!“, rufen andere.

Es wird abgestimmt. Eine knappe Mehrheit ist dafür, dass der Junge und das Mädchen umkehren. Der Vorleser lässt sich darauf ein. „Die beiden Freunde radeln durch Blaubeer- und Preiselbeersträucher zurück. Endlich sehen Sie die Hütte, wo das Mädchen mit ihrem Großvater wohnt. Auf der Veranda steht er, der Opa. ‚Schon zurück?’ ruft er von weitem. „Er hat aber nicht lange gedauert, euer Ausflug! Ich habe noch nicht einmal mit dem Spaghettikochen angefangen.

„Und weiter?“

„Nichts weiter“, lacht Herr Schmitt-Ott. „Die Geschichte ist hier zu Ende.“

Henriette ruft mutig dazwischen: „Nein! Lesen Sie die Seite 22. Bitte!!! Die Fahrt darf auf keinen Fall zu Ende sein. Der Junge in der Geschichte ist nämlich Brückenbauer und kann eine Brücke bis zur Insel über die Krokodile und Schlangen hinweg bauen. Lesen Sie diese Seite! Es wird bestimmt eine aufregende Reise.“

Sie staunt über ihre Fantasie, mit der sie bei diesem Spiel nachträglich ihre Geschichte verändern kann. Die Idee mit der Brücke findet sie richtig gut.

Herr Schmitt-Ott liest nun vor, wie die beiden Kinder aus dem Mitmachbuch über eine Hängebrücke nach Riotannen gelangen. Immer wieder geraten sie an Weggabelungen, von wo aus die Geschichte anders weiter erzählt werden kann. Die Schulkameraden wählen andere Wege, als sie Peter und Henriette gegangen sind. Eine Schülerin aus der 6a ist dafür, dass der Junge mit ins Spiegelkabinett geht und seiner zukünftigen Schwester dabei hilft, Eltern auszusuchen, die zusammenpassen und gut zu ihren Kindern sind.

Macht nichts, denkt Henriette. Dazu ist es nun einmal nicht gekommen. Man muss jetzt das Beste daraus machen.

In der Geschichte, die die Mitschüler erzählen, hat der Vater keine grüne Haarsträhne, er trägt einen langen Pferdeschwanz. Die Mutter ist eher mager.

Auf einmal heulen die Sirenen. Feueralarm. Herr Zühlke springt auf die Bühne: „Flink auf den Pausenhof, wie wir es geübt haben.“

Alle gehen brav in Zweierreihen die Treppe runter auf den Pausenhof. Henriette stemmt sich gegen den Strom der Schüler. Mit den Ellenbogen bahnt sie sich einen Weg zum Podium und springt hinauf. Herr Schmitt-Ott blättert noch in dem Buch. Er blickt auf, als er das Mädchen hört. Verwundert sieht er sie über seine Brille an.

„Bitte“, fleht Henriette, könnten Sie mir das Buch bis morgen leihen?“

Herr Schmitt-Ott freut sich über das große Interesse und macht ihr ein super Angebot: „Wenn dich die Geschichte neugierig gemacht hat, schenke ich es dir.“ Er überreicht ihr das Buch.

Henriette ist so froh über das Geschenk, dass sie gar nicht weiß, was sie tun soll. Aus Verlegenheit macht sie einen Knicks, obwohl das nun wirklich altmodisch ist. Überglücklich hüpft sie mit dem Buch hinunter auf den Pausenhof.

Leider hat sie noch nie eine Schule brennen gesehen, aber gerade bei dieser wäre es schade. Das schiefe Dach, die blaue Zwiebel über dem Lehrerzimmer, die Fassade mit den gemalten Karos, das darf nicht zerstört werden. Aber es brennt ja auch nicht. Der Hausmeister kommt mit seinem Dackel im Arm hüstelnd auf den Hof gelaufen. Der Dackel kläfft. Im Mundwinkel des Hausmeisters qualmt eine Zigarre. Der Qualm hat den Rauchmelder ausgelöst, und daraufhin heulte die Feuersirene durch das Gelände.

Henriette beschaut sich den Umschlag des Buches. Nirgendwo der Name des Verfassers. Nur ein großes WW. Diesen WW muss sie unbedingt aufspüren, wer immer das auch sein mag. Peter und sie - Figuren einer Geschichte! Nur der, der sie geschrieben hat, weiß, wie sie da wieder aussteigen können.

WW – was soll das bloß bedeuten? ...

 

14

Der Bücherturm

 

Als die Feuersirene zur Entwarnung schrillt, werden Peter und Henriette plötzlich wie von einem Glitzerregen geblendet. Taumelig und trudelig wird ihnen vor den Augen; es ist als, stürzen sie im freien Fall und drehen sich dabei immer um die eigene Achse. Federnd treffen sie auf einem Untergrund auf. Da begreifen sie: Sie sind in dem Traum gelandet, den sie die ganze Zeit träumen. Sie sind nun nicht mehr fremd in diesem Palast voller Illusionen, sondern kennen sich darin aus. Sie wissen, wer die grellblondgefärbte Frau an der Treppe ist, die aufpasst, dass die Schüler in Reih und Glied zurück in ihre Klassen gehen. „Frau Müller-Ditfurth“, fragt Henriette die Lehrerin. „haben wir jetzt noch Rechnen?“

Peter mischt sich ein. „Au ja!“

Streber, denkt Henriette. Die Lehrerin lächelt: „Ja, wir schreiben sogar einen Test“, und zu Henriette: „Aber keine Angst, es wird nicht schwer.“

Peter und Henriette wissen, wo ihre Klasse ist. Ohne zu zögern, setzen sie sich an den Tisch neben dem Waschbecken. Peter packt seinen Frühstücksbeutel aus und legt eine Apfelsine, zwei Schinkenkäsecroissants und einen Apfel neben seine Federtasche. So etwas Gemeines! Ihm hat die Mutter das mitgegeben, ihr nicht. Neidisch schielt sie auf Peters Tischhälfte.

Peter ahnt, dass seine Schwester betteln wird. „Hättest ja selbst dran denken können.“.

„Warum teilst du nicht mehr?“

„Mister Green hat es mir untersagt.“

„Was hat er dir dafür versprochen?“

Peter errötet leicht: „Gar nichts. Nur so. Ist doch alles nur ein Spiel.“

„Los, sag! Was hat er dir versprochen?“

Peter beginnt zu stammeln: „Er ... hat gesagt, dass ich reich werde, sehr reich ... wenn ich Teilhaber in seiner Computerfirma werde.“ Er winkt ab. „Egal. Geht dich nichts an.“

Er nimmt sein Deutschbuch und legt es in die Mitte des Tisches. „Ppph!“ macht Henriette. „Das hat dir wohl auch dein Mister Green eingeflüstert. Gut, dann spiele ich halt mit.“ Sie legt ihr Physikbuch auf das Deutschbuch. „Herr WW hat bestimmt nichts dagegen.“

„WW? Wer ist das denn schon wieder?“

„Der Schreiber der Geschichte, die wir eben gehört haben. Ich weiß noch nicht, wie er wirklich heißt, aber ich werde es herauskriegen.“

Frau Müller-Ditfurth beginnt mit dem Mathetest. „Was ist die Wurzel aus 120?“

Gekratze von Füllern ist zu hören. Warum ‚Wurzel’? Pflanzen haben Wurzeln, aber doch keine Zahlen! Eine Zahl ist keine Pflanze. Henriette würde gerne über Zwiebelwurzeln von Tulpen schreiben, doch die sind hier nicht gefragt. Sie versucht, bei Peter abzuschreiben. Der holt das Religionsbuch und das Biologiebuch aus seiner Tasche und legt sie auf das Physikbuch. Als Henriette den Hals reckt und über den Bücherturm blinzeln will, schiebt er sein Heft weiter weg.

Idiot! Dann guckt sie eben nicht bei ihm ab.

Die Lehrerin diktiert weiter. „Was ist 13 mal 26?“

So eine blöde Frage auch!

Henriette weiß, was ein Muttermal ist und was ein Mahnmal ist, aber 13 mal 26, was soll das sein? Alles dumme Auspuffgase aus dem Hirn eines superschlauen Mathematikers.

Henriette beschließt, in dem Mitmachbuch zu lesen.

Frau Müller-Ditfurth diktiert ihre sinnlosen Aufgaben, Henriette ist alles egal. Sie wird ein weißes Blatt abgeben. Sie starrt auf das Titelblatt des Mitmachbuches. Ein Junge geht zum Schießstand, ein Mädchen betritt das Spiegelkabinett. Sie sind gerade auf dem Rummel angekommen.

Über dem Bild steht WW. Sie dreht das Buch auf den Kopf. Die Fenster des Spiegelkabinetts sehen wie zwei Augen aus, die Tür wie eine Nase, die Treppe zur Tür wie ein Mund. Der Schatten des Hauses erscheint wie ein struppiger Bart.

Henriette blinzelt, alles wird verschwommen. Sie erkennt das Gesicht eines bärtigen, alten Mannes. Über dem Bild steht jetzt nicht mehr WW, sondern MM. Hundert Gedanken wirbeln ihr durch den Kopf. WW – MM! Henriette tippt mit dem Zeigefinger an die Stirn. Natürlich! MM – das ist das Doppel-M in Opa Himmelheber. MM wie Hi-MM-elheber. Er hat sich die Geschichte ausgedacht.

Und WW, das ist bestimmt Professor W–aben–W–eber. Er sieht dem Großvater sehr ähnlich, das war Henriette schon im Spiegelkabinett aufgefallen. Und wenn der Großvater sich auch in seine eigene Geschichte eingeschlichen hat und jetzt als Herr Wabenweber mitspielt? Das wäre toll! Henriette muss Herrn Wabenweber unbedingt besuchen. Seine Adresse hat sie: Reinholdstraße 1.

Jemand herrscht sie an. „Was soll das? Du schläfst im Unterricht und schreibst nicht mit. Das gibt einen Eintrag!“

Henriette ist es alles andere als egal, dass die Müller-Dittfurth einen Eintrag macht. Wenn das die Mutter erfährt, gibt es wieder Ärger. Henriette kann daran jetzt auch nichts ändern. Die Lehrerin schreibt bereits eine Notiz ins Klassenbuch, da klingelt es zum Schulschluss. Auf dem Weg nach draußen stöhnt Henriette: „Ich habe keinen Bock mehr auf die Mistschule.“

Das hat sie nur so dahin gesagt, sie weiß allein, dass sie nicht so einfach die Schule schwänzen kann. Aber wirklich, diese ewigen Einträge ins Klassenbuch sind zum Abwinken, und dann Peter als Nachbar ist auch nicht lustig.

Der blonde Ferdinand mit dem Wuschelkopf hat gehört, was Henriette gesagt hat. Er kommt auf sie zu und hält ihr eine Streichholzschachtel entgegen. „Was hältst du von mindestens einer Woche schulfrei mit Garantie?“

„Wie, mit Garantie?“

Er öffnet die Schachtel. Henriette sieht lauter Punkte, die sich bewegen. „Was ist das?“, fragt sie.

„Schwangere Läuse. Das Gramm zwei Euro.“

Henriette überlegt nicht lange: „Gebongt. Die kauf ich.“

Ferdinand kippt die Schachtel auf Henriettes Kopf aus und verreibt alles. Henriette hält sich die Nase zu. Vor dem Schultor wartet ihr Vater mit dem Postfahrrad. Er trägt keine Uniform mehr, sondern begrüßt seine Tochter im Freizeitlook: Eine Socke blau, die andere grün. Er trägt wieder die karierten Shorts, dazu einen blauweißgestreiften Seemannsnicki und ein weißes Baseballkäppi, verkehrt herum. Seine grüne Haarsträhne hängt sorgfältig gekämmt durch den Schlitz. „Wie war die Schule?“, empfängt er seine Tochter.

„Spitzenmäßig“, flunkert Henriette. „Mir juckt der Kopf.“

 

15

Die Geheimnisträgerin

 

Auf der Fahrt tippt Henriette ihrem Vater an den Rücken: „Stopp! Da ist ein Blumenladen, ich muss Blumen kaufen.“

„Wem willst du denn Blumen schenken?“

„Wem wohl? Mutti natürlich. Du weißt doch, ich will sie zu einer lieben Mutter erziehen.“ Der Vater bremst. Henriette steigt ab und lässt sich von der Verkäuferin fünf rosa Pfingstrosen einpacken. Der Vater bezahlt, dann geht’s weiter.

Die Verständigung zwischen den beiden ist wegen des klappernden Schutzbleches nicht so gut. So viel bekommt der Vater mit: Henriette will der Mutter durch kleine Aufmerksamkeiten das Herz erweichen, anstatt ebenfalls grob und herzlos zu sein.

Peter und die Mutter sind bereits zu Hause, Peter wurde wieder mit dem Auto abgeholt. Sie sitzen in der Küche. Peter trinkt Kakao, die Mutter Kaffee. „Mutti“, strahlt Henriette übers ganze Gesicht und hält die Blumen hinter ihrem Rücken versteckt. „Ich hab was für dich.“

Die Mutter guckt misstrauisch. „Was willst du denn schon für mich haben? Zeig her, und mach’s nicht so spannend.“

Henriette zieht den Strauß hinter ihrem Rücken hervor und hält ihn freudestrahlend der Mutter entgegen.

„Oh, Blumen.“, Sie runzelt die Stirn: „Du hast doch bestimmt etwas ausgefressen, sonst würdest du dich nicht bei mir einschmeicheln.“ Sie wendet sich an Peter. „Sag, hat sie wieder was angestellt?“

„Sie hat einen Eintrag bekommen.“ Sein schlechtes Gewissen ist ihm wie dicke Schminke ins Gesicht gemalt.

Oh, ist der fies! Auch die Mutter ist gemein: „Du wolltest mich also bestechen! Damit ich den Eintrag vergesse, schenkst du mir Blumen? Aber wenn du denkst, ich werde sie wegwerfen, irrst du dich. Was können die Blumen dafür?“

Die Mutter wickelt die Rosen aus und stellt sie in eine Vase. „Los, gib ihnen Wasser.“

Henriette würde der Mutter am liebsten mit beiden Fäusten gegen die Brust trommeln. „Du bist die misslungenste Mutter der Welt! Ich wünschte, ich wäre dir niemals begegnet.“

Aber sie traut sich nicht. Piesacken möchte sie die Mutter aber schon. Sie weiß auch, womit sie auftrumpfen kann. „Mutter, es juckt mich am Kopf!“

„Um Himmelswillen, mach keine Dinger!“, stößt die Mutter hysterisch aus. „Läuse! Mein Gott, wo hast du die her?“

Jetzt bloß nicht die Wahrheit sagen und Ferdinands Streichholzschachtel erwähnen. Sie zieht es vor zu lügen: „Ich war nach der Schule noch bei der Kleiderjule und habe nach einem Pullover gesucht.“

Das hätte sie lieber nicht sagen sollen! Die Mutter schießt sofort zurück. „Wie oft habe ich dir gesagt, deine Kleider nicht bei dieser Trödlerin zu kaufen. Jetzt hast du den Salat! Die Lösung ist ganz einfach. Ab zum Glatzenschneider.“

Henriette bekommt glasige Augen. Das kann die Mutter doch nicht machen! Ihr den Kopf kahl rasieren zu lassen. Die schönen Locken! Der Vater nimmt seine Tochter in Schutz: „Wilma, Glatzen hat man zu Zeiten unserer Großväter geschnitten, heute gibt es Läusepulver. Wir haben sogar noch welches da. Damit werden wir Henriette einpudern, und nach ein paar Tagen ist der Spuk vorbei.“

Die Mutter protestiert: „Dass du deiner Tochter immer Recht geben musst“, aber schließlich gibt sie klein bei. Sie will sich jetzt für den Besuch bei der Nachbarin fein machen und verlässt die Küche. Nach einer Weile kommt sie schick umgezogen wieder. Ihr ist noch etwas eingefallen. „Du bist doch nicht böse, wenn ich die Blumen als Geschenk mitbringe?“

Jetzt denkt Frau Schmutz-Wiedemann, die Mutter hätte den Strauß besorgt. Wütend verzieht sich Henriette in ihr Zimmer. Ihr Kleiderschrank ist komplett ausgeräumt. Alle Blusen, Kleider und Jeans sind kreuz und quer auf ihrem Bett ausgebreitet. Obendrauf liegt ein Zettel: „Wenn du essen willst, räume erst auf, wie es sich gehört.“

PS. Und alle Klamotten von der Jule schmeißt du umgehend in die Tonne, verstanden, Fräulein!“

 

Henriette ist der Appetit längst vergangen. Doch was bleibt ihr übrig als zu gehorchen? Die Mutter sitzt sowieso am längeren Hebel. Zwei Stunden braucht Henriette zum Ordnen, Falten und Zusammenlegen. Von der Plüschhose und der lilaschillernden Jacke kann sie sich nicht trennen. Sie versteckt beides zusammengeknüllt in Plastiktüten unterm Bett. Dort sollen sie auf bessere Zeiten warten.

Jetzt hat sie ihre Ruhe. Schularbeiten braucht sie nicht zu machen. Zur Schule muss sie nächste Woche bestimmt nicht. Das hatte ihr Ferdinand versprochen.

Henriette legt sich aufs Bett, um im Mitmachbuch weiter zu lesen. Auf Seite 73 hatte Herr Schmitt-Ott vorhin aufgehört. Dort schlägt sie es auf. Ihre Doppelgängerin in der Geschichte macht genau dasselbe. Sie liegt auf dem Bett und liest, aber Henriette ahnt, dass es ihr Großvater war, der diese Sätze geschrieben hat: „Das Mädchen liegt auf dem Bett und ist traurig. Es fühlt sich wie im Märchen. Die Mutter ist die zornige Stiefmutter, die sie nur schlecht behandelt. Sie wollte das Herz der Mutter erziehen, es mit Überraschungen erweichen. Sie hat ihr Pfingstrosen mitgebracht, doch die Mutter freute sich nicht darüber und verschenkte sie weiter.

Soll die Tochter weiterhin versuchen, sie zu erziehen und ihr Blumen und Pralinen schenken? Dann lest weiter auf Seite 81.

Oder soll das Mädchen nach anderen Wegen suchen? Dann schlagt die Seite 99 auf.“

Nein, erziehen möchte Henriette die Mutter nicht mehr. Davon hat sie die Nase voll. Sie blättert weiter zur Seite 99: „Das Mädchen vergisst alles um sich herum. Ihre Augen sind auf die Seite fixiert, sie verfolgt gefesselt das Band der Buchstaben; Bilder entstehen in ihrem Kopf, und diese Bilder fangen an, sich hinter den Buchstaben zu bewegen. Es ist, als schaue sie durch ein Schlüsselloch in eine andere Welt. Dort sieht sie ihren Bruder und ihre Mutter am Computer. Versteckt hinter der Buchseite, blinzelt sie zu den beiden hinüber.

Das Mädchen guckt durch die Buchseite hindurch. Sie bekommt mit, wie aus dem Monitor des Computers ein Strichmännchen aussteigt und den beiden mit einer metallenen Stimme zuwispert: „Ich unterbreite Ihnen, sehr verehrte Frau Mutter dieses Musterknaben, ein prächtiges Angebot. Wenn Sie meine Interessen vertreten, mache ich Sie trotz Ihrer Wahlniederlage zur Bürgermeisterin von Dum, und dann werden Sie bald in einem Palast mit Dienern und Dienstwagen wohnen, er wird noch größer und prächtiger als die Villa von Schmutz-Wiedemann sein, und du, Junge, kannst dir vornehmen, was du willst, es wird dir gelingen ... wolltest du nicht schon immer Ingenieur werden?“ Das Männchen lacht blechern.

„Was müssen wir dafür tun, Mister Green?“

„Ihr müsst das Feld ‚Das geteilte Zimmer’ mit der Maus anklicken.“

„Was versprechen Sie sich davon?“, fragt Peters Doppelgänger.

Mister Ron Greens Augen, zwei Glühbirnen, blinken auf: „Meine Green Computerspiel Company wird, wenn schon nicht in Ganz-Dum aufblühen, so doch wenigstens in einem Teil, und zur Belohnung, dass Sie, verehrte Dame, mir dies ermöglichen, unterstütze ich mit viel, viel Geld die ‚Waldmeisterpartei’ und bezahle den Anstrich aller Zäune und Häuser von Dum in Grün, denn Grün ist doch Ihre Lieblingsfarbe, nicht wahr? Grün ist auch die Farbe meiner Green Computerspiel Company. Es war doch schon immer ihr Traum, einen grünen Palast zu besitzen, nicht wahr?“ Das Männchen winkelt seine Drahtarme an und stemmt sie triumphierend in die Seiten. Dann fügt es hinzu: „Und du Junge ... Brückenbauer ... ist das nicht was?“

„Geteiltes Zimmer? Das ist ein heikler Schritt“, sagt die Mutter. „Mein Mann wird etwas dagegen haben. Lassen Sie uns Bedenkzeit bis morgen früh.“ Der Junge fragt skeptisch: „Wenn mir bei Ihrem Deal alles gelingen wird, geschieht das nicht auf Kosten anderer?“

„Wer hat dir das denn eingeredet? Du musst bei mir nicht mit den Ellenbogen boxen, um Brückenkonstrukteur zu werden. Also, bis morgen früh müsst ihr euch entschieden haben.“

Henriette ist den Machenschaften des Mister Ron Green endlich auf die Schliche gekommen. Peter und die Mutter sollen auf das Feld ‚Das geteilte Zimmer’ klicken. Jetzt wird es heikel. Henriette ist zu einer Geheimnisträgerin geworden! Sie liest die Seite zu Ende. „Wenn dir egal ist, ob das Unglücksfeld angeklickt wird, gehe zurück auf Seite 7. Wenn du morgen neue Blumen für deine Mutter kaufen möchtest und einen erneuten Versuch starten willst, sie zu erziehen, lese die Seite 61. Du kannst aber auch alles Mögliche tun, damit das Feld: ‚Das geteilte Zimmer’ nicht besetzt wird. Wenn du das willst, schlage Seite 113 auf.“

Henriette will das auf alle Fälle verhindern. Sie liest weiter auf Seite 113. Auf einmal wird sie müde. Mitten im Lesen schläft sie ein.

 

16

Das geteilte Zimmer

 

Henriette wird von lauten Stimmen geweckt. „Arthur, ich will nicht, dass du mit Henriette Briefe austrägst, bis sie in einer Woche wieder in die Schule darf. Solch einen Unfug soll sie gar nicht erst lernen. Das fällt später alles auf mich zurück.“

„Und wie soll sie bitte sehr in Zukunft in die Schule gelangen? Nimmst du sie etwa in deinem Auto mit, das ich immer reparieren darf?“

„Nein, ich habe keinen Platz. Neben Peter sind die Campingstühle verstaut. Da ist wirklich kein Platz mehr für deine mollige Tochter.“

Warum ist die Mutter so ungerecht!? Sie sind ja schließlich auch zu viert in ihr neues Zuhause gefahren, als die Eltern sie und Peter vom Rummelplatz abgeholt haben! Die Mutter gibt noch eins drauf: „Sie ist deine Tochter. Du hast sie dir schließlich gewünscht. Ich wollte von vornherein nur einen Jungen.“

„Du wolltest nur einen Jungen!? Dass ich nicht lache! Du hast doch immer gesagt: ‚Ich wünsche mir so sehr Kinder. Mein sehnlichster Traum. Ich möchte eine Tochter und einen Sohn.’ Und siehst du, in unseren Träumen haben wir diese Kinder. Es sind Bilderbuchkinder, und du bist auch nicht zufrieden.“

Der Vater spricht jetzt leiser, aber Henriette versteht alles: „Professor Wabenweber, der Traumdeuter, hat unsere Träume in unseren Augen gelesen und sie aufgemalt. ‚Heiteres Familienglück bei Schmökewitz’, heißt das Bild. Sieh nur, über dem Fernseher hängt es: Glatzköpfig, mit goldenen Ohrringen behangen, stehe ich da in karierten Shorts und roter Weste; daneben du, mit dem engansitzenden Minirock. Zwischen uns Peter und Henriette. Peter hat braune Locken, Henriettes rote Haare fallen in ihr sommersprossiges Gesicht. Und da willst du mir weismachen, dass du dir keine Tochter gewünscht hast? Jetzt haben wir endlich diese Traumkinder, und du sprichst immer von meiner Tochter.“

„Ach, Arthur, das ist alles schon so lange her. In diesen Tagen habe ich ganz andere Probleme.“

„Ich weiß, die Politik“, schnauft der Vater.

Die Mutter will nicht mehr über ihre Träume von damals sprechen, sie interessiert sich vielmehr für das Computerspiel. Sie schleicht ins Kinderzimmer, der Vater folgt auf Zehenspitzen.

„Mal sehen, wo Peter im Spiel stehen geblieben ist“, sagt die Mutter. Henriette wird hellhörig, denn ihre Stimme, findet Henriette, klingt auf einmal so falsch. „Sieh dir das an! Er ist tatsächlich auf dem Feld gelandet.“

Der Vater fasst sich an die Stirn: „Er hat unmöglich weiterspielen können. Ich habe das Spiel über Nacht aus dem Kasten herausgenommen und im Flur auf die Kommode gelegt.“

Die Mutter tut so, als hätte sie gar nicht zugehört. „Weißt du, was das heißt, das ‚Geteilte Zimmer’?“ fragt sie ihren Mann. „Du musst den beiden jetzt eine Wand in ihr Zimmer bauen. Spiel ist Spiel. Du weißt doch, eine Grundregel beim Kleinstadtspiel ist es, sich jedem Spielschritt unterzuordnen und auszuführen, was der Klick einem aufträgt. Deine Aufgabe ist es jetzt, ein Regal als Raumteiler zu zimmern.“

Der Vater will davon nichts wissen. „Nur du kennst das Versteck in der Kommode!“, sagt er vorwurfsvoll.

„Ich?!!! Willst du den Kindern und mir weismachen, dass ich das war?“

Henriette weiß noch gar nicht, was das alles bedeutet. Ein Regal durch das Kinderzimmer wie eine Grenze? Könnte sie den Computer beherrschen, würde sie von Feld zu Feld zurückklicken und alle Streitigkeiten rückgängig machen.

Sie springt auf und schreit: „Ich will das nicht. Keine Wand zwischen Peter und mir!“

Peter wird wach. Verschlafen gähnt er: „Was ist los?! Mutter, hast du etwa? ...“

Die Mutter bleibt ganz ruhig. „Seht, ihr beiden, das genau ist der Sinn der Schrankwand in der Mitte eures Zimmers. Wenn ein Freund oder eine Freundin euch besucht, stört euch niemand...“

„... aber das ist der Untergang der Familie“, stöhnt der Vater. „Wir waren immer so harmonisch zusammen ... was heißt, waren? Wir sind immer noch die beste Familie der Welt! Wir können den Klick noch rückgängig machen.“

„Nein, Arthur, was einmal im ‚Kleinstadtspiel angeklickt ist, bleibt so. Wie beim Schach: Losgelassen ist gesetzt!“

Peter denkt daran, was Henriette gesagt hat, als er zum ersten Mal das Kleinstadtspiel spielte. „Es wird Unheil bringen!“ Verliert er sie jetzt als Schwester im Spiel und als Freundin im wirklichen Leben?

Der Vater muss jetzt ran. Leise vor sich hin schimpfend holt er aus dem Schuppen Bretter und Nägel und beginnt zu hämmern. Verstohlen beobachtet Henriette das Gesicht ihres Bruders. Ob er jetzt alles bereut? Schweigend schaut er dem Vater hinterher. Der kommt mit einem Stapel Bretter unterm Arm zurück und traut sich nicht, seinen Kindern in die Augen zu schauen. „Ich kann auch nichts dafür“, sagt er leise. „Ich muss machen, was das Spiel vorschreibt, da hat eure Mutter schon recht.“

Während er hämmert und schraubt, gibt ihm seine Frau strenge Kommandos: „Pfusch nicht so! Dort guckt noch ein Nagel heraus, an diesem Splitter kann sich Peter Löcher in die Hosen reißen.“

Nagel um Nagel klopft der Vater in die Bretter, allmählich sieht das Ganze wie ein Regal aus. Ein Raumteiler mitten im Zimmer! „Räumt jetzt eure Sachen in die Fächer“, fordert die Mutter Peter und Henriette auf. Beide bleiben bockig auf ihren Betten sitzen.

„Was!? Ihr wollt nicht?“ Die Mutter ergreift Kräne und Bagger und stellt sie auf Peters Seite. In Henriettes Fächer setzt sie Puppen und ordnet Bücher ein. In der Mitte des Regals bleibt ein Loch zum Gute-Nacht-Sagen.

Die Mutter schaut ihre Kinder an. Sie schweigen. „Was habt ihr? Seid ihr nicht begeistert? Das ist doch eine prima Idee von dem Erfinder des Computerspiels.

Peter traut sich als erster. „Mutti, ich will in der Hälfte von Henriette bleiben.“

„Kommt nicht in Frage. Du bleibst auf meiner Seite, deine Schwester bei deinem Vater. Dich werde ich auf eine höhere Schule schicken. Du wirst die höchsten und längsten Brücken der Welt bauen. Das hat dir der Meister versprochen. Wirst sehen, mein Junge, dir wird alles gelingen, wenn du auf unserer Seite bleibst.“ Und mit einem flüchtigen Seitenblick zu Henriette: „Du wirst vielleicht Postbeamtin hinter einem Schalter. Das ist schließlich auch etwas.“

Jetzt reicht es. Henriette platzt der Kragen. Jetzt wird sie es der Mutter geben. „Wenn du es genau wissen willst, allerliebste Mutter, ich werde einmal Sternenpflückerin und werde jedem Einwohner von Dum einen Stern auf den Kopf fallen lassen.“

„Träum nur weiter“, lacht die Mutter.

„Henriette will dir sicher sagen, dass sie uns Glück bringen will.“ Der Vater streicht seiner Tochter über den Kopf. Lächelnd schaut er sie an. „Ihr seid ja nicht den ganzen Tag getrennt. Schon beim Essen seht ihr euch wieder.“

„Mach Ihnen keine falschen Hoffnungen, Arthur. Ich muss dir etwas gestehen. Ich habe auch auf weitere Felder geklickt. Ich erzähle es dir draußen.“ Sie zieht den Vater in den Flur und schließt hinter sich die Tür.

Henriette guckt Peter entsetzt an. Ist die Mutter denn ganz verrückt geworden, andere Felder anzuklicken?! Was hat sie nun bloß wieder angestellt?

Die Tür wird wieder aufgestoßen. Die Mutter steht in ihrer ganzen Fülle im Türrahmen: „Eines habe ich noch vergessen. Es wird euch gut tun, für eine Weile getrennt zu sein, ihr habt euch sehr gestritten in den letzten Tagen.“ Sie leiert das ganze Alphabet ihrer Erziehungsmaßnahmen herunter. „Ihr dürft von nun an kein Wort mehr miteinander reden. Überprüfen wird euch ein Tonbandgerät, das ich abends abhören werde. Wehe, da ist ein Wörtchen drauf! Also, ab jetzt keinen Mucks mehr!“

Die Mutter schließt wieder hinter sich die Tür, Henriette hört sie leise mit dem Vater reden. Auf einmal weiß sie nichts mehr mit sich anzufangen. Ohne Peter ist alles so langweilig. Sie betrachtet die Rücken der Bücher, die im Raumteiler stehen und versucht, die Titel zu entziffern. Manche kennt sie. Auf keines hat sie Lust. Nicht einmal auf das Mitmachbuch. Immer wieder schielt sie zum Gute-Nacht-Fenster.

Nach einer Weile kommt ein Papierflieger aus dem Guckloch herausgeschossen, genau auf Henriette zu. Sie fängt ihn auf und will ihn schon zurückschießen, da bemerkt sie, dass darauf etwas geschrieben steht.  „Was war ich für ein Idiot. Verzeih mir! Wollen wir uns wieder vertragen?“

Henriette stößt einen Freudenschrei aus: „Ja, klar doch!“ Mist, das ist jetzt auf dem Tonband drauf. Es wird Strafe geben.

Peters Lockenkopf taucht im Gute-Nacht-Guckloch auf. Durch das Loch macht ihr Bruder eine Handbewegung, als wolle er sagen: „Kein Problem!“ Der routinierte Techniker stoppt das Band und schneidet die Stelle mit dem „Ja, klar doch!“ heraus.

Kopf an Kopf stehen die beiden am Guckloch und zeigen einen Vogel in die Richtung, in die die Mutter verschwunden ist. Grinsend gucken sie sich an. Beide wissen, was der andere sagen will.

 

 

 

17

Ein trauriger Spaziergang durch die Stadt

 

Wieder landet ein Papierflieger in Henriettes Zimmerhälfte. Mit geschickten Händen fängt sie ihn auf. „Lass uns aus dem Haus gehen. Du auf deiner Seite, ich auf meiner. Draußen können wir miteinander reden.“

Henriette klopft gegen die Schrankwand als Zeichen, dass sie verstanden hat. Ja, ist die Mutter denn völlig übergeschnappt! Auch die Tür ist von einer Bretterwand geteilt. Henriette muss den Bauch einziehen, damit sie hindurchpasst. Auf der anderen Seite hört sie es rascheln – Peter wird sich auch gerade durch den Spalt zwängen.

Miteinander reden? Da hat sich Peter wohl zu früh Hoffnungen gemacht. Auch die Küche ist zweigeteilt. Das Haus ist zerschnitten wie ein Brot. Im Garten und weit über den Garten hinaus ist ein hoher Zaun errichtet worden. Das ganze Städtchen ist in zwei Hälften geteilt: Nordum und Südum. Wird sie Peter jetzt nie wiedersehen? Menschen trommeln aufgebracht mit den Fäusten an den Zaun: „Wir wollen nach Nordum zu unseren Verwandten!“, und von der anderen Seite: „Wir wollen zu unseren Kindern nach Südum!“

Henriette muss in die Reinholdstraße 1 zu Professor Wabenweber. Nur er kann die Katastrophe rückgängig machen. Sie fragt jemanden. „Oh je, oh je! In die Reinholdstraße willst du? Die liegt jenseits des Zauns in Nordum. Da kommst du nicht mehr hin.“

Wären sie bloß nie auf diese Insel gerudert!

Weiter hinten steht ein Kirschbaum. Wenigstens Peter will sie von dort oben sehen. Sie hangelt sich an den Ästen hoch. Von oben blickt sie neugierig auf die Straßen der anderen Seite. Dort leben Menschen wie sie und ihr Vater, mit einer Nase mitten im Gesicht und Augen, mit denen sie sehen und einem Mund, mit dem sie sprechen können. Was, wenn die Holzlatten 100 oder 1000 Jahre stehen bleiben? Werden die Menschen auf der anderen Seite dann ihre Augen am großen Zeh und ihren Mund auf dem Po haben?

Jenseits des Zauns klettert Peter auf einen Apfelbaum. Henriette grabscht nach einer Handvoll Kirschen und wirft eine Kirsche zu ihm hinüber. „Fang!“ Peter streckt den rechten Arm aus. „Lecker!“. Er wirft einen Apfel zurück. So geht das eine Weile, bis sie auf einmal ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen können, denn ein Wägelchen mit einem langen Schlauch tuckert auf Peters Seite an Häuserwänden und Gartenzäunen entlang und besprüht alles mit einem triefenden Giftgrün.

Als der Fahrer des Wägelchens Peter entdeckt, verlässt er auf Zehenspitzen die Fahrerkabine, schleicht auf den Apfelbaum zu und klettert den Stamm hoch. Da erkennt Henriette die Comicfigur aus dem Computerspiel, diesen hässlichen Mister Green mit den grellen Glühbirnenaugen. Peter hat die Gefahr noch nicht erkannt. Er pflückt weiter Äpfel.

Henriette schreit so laut sie kann: „Peter, pass auf!“

Peter stößt mit dem Fuß nach dem Computermännchen, Mister Ron Green packt den Fuß, purzelt von der Astgabel ins Gras und reißt Peter mit sich.

Henriette feuert ihren Bruder an: „Peter! Peter!! Peter!!!“

Der versucht, dem Männchen die Drahtarme zu verbiegen, das Männchen reißt Peter Haarbüschel aus. „Jetzt entkommst du mir nicht mehr“, hallt es wie aus einer Eisenröhre. „Das wäre doch gelacht, wenn du nicht für die Green Computerspiel Company arbeiten würdest. Was deine Mutter kann, kann ihr Musterknabe schon lange.“

„Was wollen Sie von mir?“ keucht Peter.

„Deine Mutter ist eben von mir zur Bürgermeisterin von Nordum ernannt worden. Aber da gibt es ein Problem. Nur du kannst deiner Mutter helfen. Du bist ihre Rettung, du hast in Deutsch eine 1 und kannst gute Aufsätze schreiben ...“

„... was soll ich tun?“, drängt Peter.

„Du sollst ihr die Reden schreiben.“ Mister Green kommt ins Stammeln. „Allein ... allein ... wie soll ich sagen? Allein kann sie das nicht.“

„Nie im Leben werde ich das tun!“, ruft Peter.

Er reißt sich los und rennt, was das Zeug hält. Mister Green ihm hinterher. „Irgendwann krieg ich eines von euch Gören!“, ruft er.

„Lauf, Peter, lauf!“ Henriette springt vom Kirschbaum und folgt ihrem Bruder auf ihrer Seite des Zauns in Richtung Bungalow. An der Tür ihrer Zimmerhälfte klebt ein Zettel: „Denke daran: 3 x täglich Zähneputzen!“

Blödsinn, denkt sie, aber gehorchen ist im Augenblick wohl das Klügste. Wer weiß, was der Mutter sonst noch alles einfällt? Henriette guckt in den Spiegel und schneidet Grimassen. Sie macht „Oh“ und Iiih“ und „Ah“. Irgendwie kommt sie sich hübscher vor, als neulich im Spiegelkabinett. Henriette, Enkelin von Opa Himmelheber und Schwester von Peter Schmökewitz – das ist schon was.

Als sie sich ans Zähneputzen machen will, scheppert es hinter dem Spiegelschrank. Sie reißt die Spiegeltür auf. Auf der anderen Seite grinst Peter. „Das habe ich mir gleich gedacht, dass hier ein Durchgang ist.“ Er betrachtet prüfend alle Schrauben und misst den Durchmesser der Öffnung. „Noch zehn Minuten, dann bin ich bei dir.“

„Was ist mit Mister Green?“

„Der? Den habe ich abgehängt.“

Peter holt den Werkzeugkasten aus dem Schuppen. Mit dem Schraubenzieher löst er alle Schrauben. Als er die Spiegelwand ausgebaut hat, zwängt er sich durch. Zum Glück ist er schlanker als seine Schwester.

Es ist nicht lange her, dass sich Peter und Henriette spinnefeind gegenüberstanden. Jetzt fallen sie einander in die Arme. „Hat er dir das echt vorgeschlagen?“, fragt Henriette. „Du sollst Mutti die Reden schreiben?“

„Ja, so wie meine Mutter zu Hause dem Bürgermeister die Reden schreibt.“

„Und? Steht da manchmal etwas drin, was nicht drin stehen darf?“

„Was weiß ich? Da musst du meine Mutter fragen.“

Henriette schnipst mit dem Finger. „Das ist die Idee. Mach das. Schreib Mutti die Wahlreden. Das wird der Knüller!“

Sie gehen in Henriettes Hälfte der Küche und wollen Sprudelwasser mit einem Schuss Apfelsaft trinken. Vater sitzt an dem halbierten Küchentisch und liest Zeitung. Überrascht hebt er den Kopf, als er Peter auf bemerkt. „Du hier? Auf unserer Seite? Was für eine Überraschung.“

Es sieht so aus, als wolle er noch etwas sagen. Er zögert, schließlich rückt er mit der Sprache raus. „Das Gebiet um den See hinterm Haus, dort, wo das Ruderboot am Steg liegt, ist Niemandsland geblieben. Sie haben vergessen, im See eine Grenze zu ziehen. Dort könnt ihr unbeobachtet von einem Teil der Stadt in den anderen schleichen, und euch, wann immer ihr wollt, ungestört treffen.“

Die Kinder wollen gleich los, das Terrain erkunden. Sie rennen zum See und setzen sich im Schneidersitz auf den Landungssteg.

Lange Zeit sagt niemand etwas. Endlich bricht Henriette das Schweigen. „Ganz schöner Mist, das Ganze, oder?“

„Du meinst das mit dem Zaun und unseren Eltern, die sich anfeinden?“

Henriette nickt. „Wenn jetzt nur der Professor hier wäre!“

„Der Wabenweber?“

„Genau, der.“

Plötzlich springt Peter auf. „Wenn dir der so wichtig ist, geh ich rüber.“

Henriette zeigt ihrem Bruder vor Schreck einen Vogel. „Das darfst du nicht machen! Das ist gefährliches Gebiet. Drüben herrscht Mister Green.“

Peter geht trotzdem. Er will unbemerkt nach Nordum schleichen und die Reinholdstraße aufsuchen. Nur eine Nachricht hinterlegen: „SOS! Besuchen Sie uns dringend“, dann nix wie zurück!

Er zieht los. Henriette wartet ungeduldig auf dem Steg. Bald steht die Sonne feuerrot über dem gegenüberliegenden Ufer, es wird dämmrig, nicht mehr lange, und es wird stockfinstere Nacht sein. Henriette macht sich Vorwürfe. Sie hätte mitgehen müssen.

Nach Stunden knistert es im Unterholz. Schritte. Sie erkennt einen Schatten auf dem Bootssteg, hört Peters Stimme. „Ich habe ihn erwischt, deinen Wabenweber“, sagt er. „Er wird uns besuchen. Morgen oder Übermorgen oder nächste Woche.“

Henriette fallen zwei Steine vom Herzen.

„Aber warum soll er uns eigentlich besuchen, dein Herr Wabenweber?“

„Er hat sich das schließlich alles ausgedacht. Er wird auch wissen, wie wir aus dem Schlamassel wieder rauskommen. Weißt du, ich will langsam nach Hause.“

 

 

18

Das Wahlrednerturnier

 

Peter pirscht durch das Unterholz zurück und schleicht von der anderen Seite in den Teil des Bungalow, wo er mit seiner Mutter wohnt. Er hat noch etwas Zeit, bis sie von den vielen Konferenzen und Presseinterviews heimkehrt. Traurige und einsame Tage werden auf ihn zukommen. Die Mutter wird viel unterwegs sein.

Henriette geht in die geteilte Küche. Sie hört ihren Vater mit jemandem debattieren. Die Stimme kennt sie doch. Der Mann in blaurotkarierten Knickerbockerhosen war ihr schon einmal aufgefallen. Wie ein Detektiv aus einer englischen Kriminalserie ist er gekleidet. Richtig! So bescheuert sah nur der Gegenkandidat von ihrer Mutter aus, und, da nennt der Vater ihn auch schon beim Namen: „Herr Spielmann, das ist eine Ehre für mich, aber ich kann Ihr Angebot nicht annehmen.“

„Sie, müssen, Herr Schmökewitz. Sie haben keine andere Wahl. Die Einwohner von Südum erwarten das von Ihnen. Nehmen Sie den Posten des Bürgermeisters unserer Stadthälfte an. Sie sind der vertraute Gatte Ihrer Rivalin. Keiner kennt diese Frau besser als Sie. Nur Sie wissen, was sie im Schilde führt, kurzum, Sie können die Interessen unserer Stadthälfte am besten vertreten.“

Der Vater wiegt den Kopf.

Herr Spielmann muss ganze Überzeugungsarbeit leisten: „Wenn Sie annehmen, trete ich als erster Mann in unserer Stadthälfte zurück. Dann wird es Neuwahlen geben, und wir hätten die Chance, unter Ihrer Regierung aus Südum und Nordum wieder eine Stadt zu machen.“

„Ich soll der geeignete Mann für diesen Posten sein?“, lacht der Vater. „Ich kann doch keine Reden halten, geschweige welche schreiben.“

Wenn Peter der Mutter die Wahlreden schreibt, denkt Henriette, kann ich das auch für Vater tun. Sie tritt aus ihrem Versteck hinter dem Vorhang hervor: „Vati, ich kann dir die Reden schreiben. Ich bin gut darin.“

„Du? Wirklich? Du meinst, du kannst das?“

„Wenn ich es doch sage. Das ist leichter als das kleine Einmaleins.“

„Gut, dann nehme ich den Posten an, aber nur, werter Herr Spielmann, wenn Sie mein erster Vertrauter werden.“

„Damit bin ich einverstanden“, lächelt Herr Spielmann verschmitzt und schlägt in die Hand des Vaters ein.

Jetzt ist das Städtchen Dum nicht nur in zwei Hälften geteilt, es hat auch eine Bürgermeisterin und einen Bürgermeister: In der Nordstadt regiert die Mutter von Peter und Henriette, in der Südstadt der Vater.

Herr Spielmann nimmt seine Rolle als erster Vertrauter von Bürgermeister Schmökewitz sehr ernst und rät sofort eindringlich: „Sie sollten folgenden Punkt unbedingt in Ihr Programm aufnehmen. Und zwar werden wir im Gegenzug zu den grünen Zäunen auf der anderen Seite unsere Zäune auch grün streichen. Verstehen Sie, das schickt sich besser.“

Der Vater wird misstrauisch. „Aber Sie wollten unsere Zäune doch einst beseitigen ...“

„... nein, das wäre ein Schachzug zu früh“, sagt Herr Spielmann. „Der Sache der Kinder, die ohne Zäune spielen dürfen, können wir uns erst später annehmen. Wir müssen erst das Computerwesen ausbauen.“

„Nein, das will ich nicht!“, protestiert der Vater. „Ich will nicht, dass unsere Kinder durch Computerspiele verdummen.“

„Sie werden noch zur Vernunft kommen, Herr Schmökewitz“, lächelt Herr Spielmann.

Das gibt es doch nicht! Das ist Wahlbetrug, denkt Henriette. Vor den Wahlen das Blaue vom Himmel versprechen und hinterher das Gegenteil machen! Wütend hört sie weiter zu, was der Vertraute des Vaters noch zu sagen hat. „Wenn sie in Nordum ihre Zäune in hellem Grün anstreichen“, redet er weiter, „würden wir uns doch lächerlich machen, wenn wir unsere Zäune beseitigten. Wir müssen doch eine genauso schöne Stadt wie die Nordstadt sein, nicht wahr? Und wie hässlich sähe unsere Stadt aus, wenn wir einem kleeblattfrischen Grün ein klebrig verschmiertes Blau entgegensetzen. Außerdem ...“, Herr Spielmann sucht nach Worten. „... geht es, das sagte ich bereits, um das Computergeschäft. Sie wissen doch ... die Green Computerspiel Company. Green heißt bekanntlich ‚grün’, grün sind Greens Computer, und grün sollen auch die Zäune von Ganz-Dum sein.“

Henriette kann das Geschwätz nicht mehr ertragen. Sie geht in ihre Zimmerhälfte und schlägt das Mitmachbuch auf. Mal sehen, ob sie darin eine Lösung für den ganzen Heckmeck findet. „Zwei Bürgermeister gibt es jetzt“, steht auf Seite 113 geschrieben. „Sie vernageln die Stadt mit Brettern und wollen sie mit giftigem Grün bepinseln. Wenn ihr das gut findet, geht auf 122 und lasst euch das Gesicht mit Froschgrün bemalen, findet ihr aber einen anderen Vorschlag besser, denkt ihn euch selbst aus und schreibt ihn auf.“

Henriette hat einen Vorschlag, und den will sie sofort aufschreiben. Sie holt ihren Füllfederhalter und ihr feinstes Briefpapier aus der Schublade. Ihre Fantasie ist genügend angestachelt, sie schlägt das Mitmachbuch zu. Sie wird sich jetzt daranmachen, eine Rede zu schreiben. Eine gepfefferte. Man muss alles im Leben einmal zum ersten Mal machen, auch Reden für Politiker schreiben. Die Gedanken in ihrem Kopf sprudeln.

Etwas zeckt sie am Oberarm. Sie schaut auf und sieht gerade noch ein Pusterohr verschwinden. Im Guckloch zum Gute-Nacht-Sagen steckt der Lockenkopf von Peter. Er hält ihr ein Schild entgegen. Henriette liest: „Morgen ist das große Wahlrednerturnier in Dum. Wusstest du das? Los, ran an die Arbeit! Bis dahin müssen wir saubere Arbeit geleistet haben.“

 

Am nächsten Tag ist auf dem geteilten Marktplatz von Dum Himmel und Hölle los. Würstchenbuden sind aufgebaut, Zuckerwatte wird verkauft, Luftballons fliegen in den Himmel. Auf beiden Seiten des Bretterzauns sind Holzpodeste aufgebaut. Auf einem steht Frau Schmökewitz, auf dem anderen Herr Schmökewitz.

Das Los hat entschieden: Zuerst wird Herr Schmökewitz seine Rede halten. Die Einwohner seiner Stadthälfte sind auf der Südumer Seite des Zauns hinter ihm versammelt und klatschen tosenden Beifall. Peter ist durch das Niemandsland, hinten am Teich, wo vergessen wurde, eine Grenze zu ziehen, zu Henriette geschlüpft. Auf der anderen Seite des Zauns sind die Nordstädter versammelt. Aus Lautsprechern soll jede Rede auf die andere Seite des Bretterzauns übertragen werden.

Der Vater, der eben noch erwartungsvoll an der Brüstung des Podests lehnte, dreht sich zu seinem Volk um. Er lächelt wie ein Sieger. Wie an dem Tag, als die Kinder ihn zum ersten Mal auf dem Rummel getroffen hatten, zieht auch heute sein klobiger Goldohrring das rechte Ohrläppchen herunter. Er trägt seine karierten Shorts und das rote Jackett, dazu den knallgelben Schlips. Vorsichtig zieht er seine Wahlrede aus dem Kuvert und entfaltet sie. Mit zitternder Stimme beginnt er: „Kann man Eltern erziehen?“

Dieser Satz bringt ihn völlig aus dem Konzept. „Das ... das ist ... na, halt mal ... das ist doch nicht meine Rede!“, stammelt er in seinen Brezelbart.

Die Leute lachen.

Herr Schmökewitz dreht sich um und blinzelt in die Richtung, wo er seine Tochter vermutet, gibt sich einen Ruck und liest den Text weiter, als habe er ihn selbst geschrieben. „Also noch einmal: Kann man Eltern erziehen? Ich sagte ja immer, nein, das geht nicht.“ Herr Schmökewitz lächelt vor sich hin und brabbelt ins Mikrofon: „Stimmt, das habe ich einmal gesagt.“ Er liest weiter vom Blatt ab: „Aber meine Tochter ist dickköpfig und glaubt, das geht doch. Sie sagt, dass es nichts Schöneres für eine Tochter gibt, als eine Mutti zu haben, die ihre Kinder nach der Schule mit Kartoffelpuffern und Apfelmus überrascht und die fragt, ob der Ochsenknopf die Arbeiten schon zurückgegeben oder ob Basti wieder gestänkert hat. Da ist es längst nicht so wichtig, in einer Bonzenvilla zu wohnen und viel Zaster zu haben.“

Die Menschen auf der Südseite toben. Pfiffe ertönen, aber sie bedeuten nicht, dass Herr Schmökewitz aufhören soll. „Weiter! Weiter“, rufen welche im Sprechchor. Nur Herr Spielmann runzelt die Stirn und zuckt mit einem Auge.

„Das einzige, was wir, Henriette und ich, der Bürgermeister von Südum, wollen, ist, dass unsere Mutti und Frau zu uns zurückkommt, und dazu brauchen wir keine langweilige Politik, sondern, dass die ollen Bretter verschwinden. Ehrlich gesagt, ich will gar nicht für den Bürgermeisterposten von Ganz-Dum kandidieren und wäre froh, wenn meine Frau das auch täte. Wir könnten gemeinsam alle Häuser in Ganz-Dum mit Regenbogenfarben bemalen, gelb, orange, rot, blau und grün. Die Grünstreifen, auf denen einmal der Zaun zwischen den Stadthälften gestanden hat, könnten Kebabstände...“

„Stopp“, ruft Herr Spielmann dazwischen. „Das ist nicht nach unserer Absprache.“

Henriette, die bei der ersten Wahlversammlung dabei gewesen war, als Dum noch ein Städtchen war, wundert sich über die seltsamen Worte von Herrn Spielmann. Er war es doch, der die Zäune abreißen wollte, und jetzt regt er sich über ihre Rede auf. Warum steht er nicht mehr zu seinem Wort? Und da hat sie schon die Antwort: Ein kleines drahtiges Männchen mit Augen aus Glühbirnen tippt Herrn Spielmann auf den Oberarm und zeigt auf den Bürgermeister. Mister Green flüstert Herrn Spielmann etwas ins Ohr. Er schiebt ihm einen Geldschein zu. Aha! Bestechung.

Keiner hat es gesehen, nur Henriette. Alle warten gespannt auf die Rede von Frau Schmökewitz.

„Bürgerinnen, Mitbürger“, beginnt ihre Mutter, ohne vom Blatt abzulesen. „Dies wird eine Wahlrede sein, die entscheidende Weichen für unser hoffentlich bald wieder geeintes Städtchen stellen wird. Lassen Sie mich ein Wort zu unseren grünbestrichenen Bretterwänden sagen ...“ Jetzt muss sie doch vom Blatt ablesen. „... was steht auf meinem Spickzettel zum Stichpunkt Grün? Moment, gleich haben wir es. Hier ... hier steht es: ‚Wir werden die Gartenzäune abreißen ...’ äh ... was soll denn das? ‚... und die Häuser in Kunterbuntfarben ...“

Von der Südumer Seite des Zauns schallt ein Jubeln herüber. Die Bürgermeisterin hört auf zu lesen und wird rot. Wie für sich selbst liest sie die Rede leise ins Mikrofon, jeder kann sie hören. „Mutti, rat mal, wo ich bin?“ Ihre Worte hallen über den geteilten Marktplatz. „Du denkst vielleicht, ich bin auf deiner Seite von Dum und jubele dir zu. Aber denkste! Drüben, auf der anderen Seite des Zauns, bei meiner Schwester bin ich.“

Die Mutter bekommt feuchte Augen, als sie weiterliest: „Liebe Mutti, pass auf, dass du nicht nur Henriette, sondern auch mich verlierst, denn wenn du Henriette immer so fies behandelst, will ich lieber bei ihr sein. Wir wären gerne bei dir, aber du denkst ja nur an deine Karriere ...“

Jemand hat das Mikrofon ausgeschaltet. Keiner hört mehr die Mutter. Mister Ron Green schmettert von ganz weit oben seine piepsige Elektronenstimme über den Marktplatz. Alle blicken hoch. Von der Kirchturmspitze aus krächzt die Comicfigur auf die Menge hinunter: „Wenn ihr glaubt, zwei Gören können in mein Geschäft pfuschen, habt ihr die Rechnung ohne mich gemacht. Ich war es doch, der dem Bengel den Computer mit dem Kleinstadtspiel untergejubelt hat. Zum Ausprobieren sozusagen. Und es hat funktioniert. Jetzt ist mein Plan fast perfekt, und er springt ab, um seiner Mutter verrückte Wahlreden zu schreiben! Jetzt, da wenigstens in einem Teil unseres Städtchens alle Zäune grün angestrichen werden und ich ganz groß mit dem grünen Logo meiner Computer herauskommen wollte. Noch ist das letzte Wörtchen aber nicht gesprochen! Ich habe inzwischen meine Computerindustrie ausgebaut, ich werde wenigstens den Einwohnern von Nordum mein wahres Gesicht zeigen, und es wird auch euer wahres Gesicht sein.“

Mister Ron Green stülpt sich einen Computer über den Kopf und tanzt einen wilden Tanz wie ein Buschmann. Es ist ein grüner Computer, in den er seinen Kopf steckt, und die Mattscheibe ist auch grün. „So werden wir jetzt alle herumlaufen. So, und nur so! Das ist der Fortschritt, das ist der Lauf der modernen Zeit! Wir werden einen tiefen Blick in die große weite Welt haben.“

Ja, ist er denn verrückt geworden! Mister Ron Green wirft einen Computer nach dem anderen vom Kirchturm in die Menge. Dutzende, Hunderte baumeln an Fallschirmen und segeln sanft auf die Nordumer Hälfte des Marktplatzes nieder. „Die sind für euch!“, ruft er. „Das Geld wird von eurem Konto abgezogen!“

Die Nordumer reißen sich die Arme aus nach ihnen und stecken, wenn sie einen gefasst haben, wie der Meister ihre Köpfe in die Monitore hinein. Sie wollen alle einen tiefen Blick in die Welt gewinnen. Die Südstädter gehen leer aus.


   eingestellt am 22. März  2009